Biblische Grüße nach München

Während meiner Zeit in München habe ich ja in einer eher züchtigen WG gewohnt. Man erinnert sich vielleicht. Jesus war allgegenwärtig (auch auf dem Klo) und die Mitbewohnerin hat brav mit Ausnahme von Essen, Alkohol und Zigaretten auf alle übrigen irdischen Genüsse verzichtet… *hust*

Die Atmosphäre war so fromm, dass man am liebsten den ganzen Tag bibel.tv konsumieren mochte. Das ging aber nicht. Denn bibel.tv ist ein digitaler Kanal und die konnte der Fernseher zu seiner Zeit dort nicht empfangen. Auch Zattoo musste das arme, gottesfürchtige Gemüt herb enttäuschen. Es war keine schöne Zeit für bibeltreue Christen ohne mediale Unterstützung.

Doch endlich wurden die Gebete erhört!! Etwas spät aber immerhin: Zattoo überträgt jetzt auch neben dem GOD-Channel endlich bibel.tv!! Gepriesen sei der Herr!

Wie gut, dass ich nicht mehr in München wohne! Sonst hätte ich nicht mehr viel von meinem Laptop, ganz zu schweigen von entspannten und völlig unchristlichen Feierabenden. Amen.

Ein Telefonat,…

das man so nicht führen sollte.

– Hallo?

– Hallo.

– Ja? Wer ist denn da?

– XY.

– Ich wohn nicht mehr in München.

– Ah deshalb seh ich dich nicht mehr.

– Mhm.

– Wo wohnst du denn jetzt?

– In Hamburg.

– Hey, meine Tante wohnt in Hamburg.

– Äh ich mein auch eigentlich Köln.

– Aha. Ok.

– Ich leg jetzt auf.

– Ok.

Ja ganz recht: o_O

Banause

Das Gute, nein das Beste an Besuch ist, dass er einen zur Kultur zwingt.

Ich wohne seit gut neun Wochen in München und hab außer meinem Computerbildschirm in der Redaktion und dem inneren von Kneipen noch nicht viel von der Stadt gesehen. Die einzige Münchner Kultur, die ich konsumiert habe, ist goldgelb, flüssig und wird literweise serviert.

Freunde wollen sich aber leider nicht nur betrinken, sondern auch etwas Richtiges geboten bekommen. Und da es regnet und montags die richtig guten Sachen wie Pinakothek und Lenbachhaus geschlossen sind, muss man halt ins doofe Deutsche Museum.

Ich schreibe deshalb doof, weil es wirklich irgendwie doof ist. War vor fünf Jahren dort, damals wahnsinnigerweise mit einem Mathe- und Physikkurs, und fand es unglaublich fad. Das hatte primär nichts mit dem Museum zutun. Ich habe mich einfach gegen das geballte Wissen deutscher Ingenieurkunst innerlich gesperrt. Hat ja schließlich etwas mit Mathe und Physik zutun und in der Schule ist Mathe und Physik unglaublich beschissen. Warum sollte es also in einem Museum besser sein?

Jetzt war ich wieder dort. Um fünf Jahre gereift und irgendwie recht guter Dinge, mir STUNDENLANG Kultur und Wissen einzuverleiben.

Und was soll ich sagen? Ich fands wieder doof.

Jaja, man erfährt Dinge über die man sich normalerweise bestimmt nie Gedanken gemacht hätte. Wie wird eine Form für einen Motorblock gegossen? Wie haben die früher eigentlich ohne Bohrmaschine Löcher in Gegenstände gebohrt? Welche Art Dampfmaschine stand 1898 in der Tuchfabrik XY in Wasweißichwo? Es gibt tatsächlich verschiedene Schmierstoffe für Automotoren, Flugzeugturbinen und Kniegelenke??? Woah.

Oh man. Ich bin banausig. Das Beste in dem Museum war der Hohlspiegel, in dem man aussieht wie Kate Moss nach dem dritten Tag O-Saft-Wattebausch-Diät. So einen hätte ich gerne.

Ein Platz an der Sonne

Die Wohnung ist zwar stellenweise im wahrsten Sinne ungenießbar (Stichwort: Fischstäbchen-Tomatensalat-Kruste auf dem Wohnzimmerboden), hat aber dennoch ihre feinen Seiten.

Genau solch eine befindet sich in meinem Zimmer und wird von mir täglich genutzt: die extrabreite Fensterbank. Jede Wohnung sollte mindestens eine breite Fensterbank haben, auf der jeder durchschnittlich überdimensionierte Hintern gemütlich Platz findet. Das steigert die Lebensqualität immens.

Schon morgens lauscht man am Fenster den den Vögeln beim Zwitschern. Dabei vertilgt man banksitzenderweise eine Schale Haferflocken und schmatzt genüsslich in Richtung der Baumkronen.

Mittags kann man am Fenster in der Sonne braten und, dank der erhabenen Lage eines zweiten Stockwerks, wunderbar Menschen beobachten. Dauernd benutzt (warum auch immer) irgendjemand dieses antiquierte Telefonhäuschen auf der anderen Straßenseite, oder putzt seinen Porsche, oder verhaut sein Kind. Seltsam…

Zum wohlverdienten Feierabend nach einem komplett verplemperten Tag, gönnt man sich dann auf der Fensterbank Bier, Buch und Zigarette und lauscht den Nachbarn beim Vögeln.

Und damit schließt sich der Kreis und ein weiterer Tag in münchens wildem Westen zieht ins Land. Tirili.

Die Registratur

Das nerongrüne Gürteltier dreht sich auf dem braunen Tisch. Unglaublich schnell. Wie ein Brummkreisel. Es liegt auf dem Rücken und dreht sich. Dann zerspringt es in tausend Teile, fügt sich wieder zusammen, färbt sich pink und dreht sich weiter. Minutenlang. War das letzte Bier doch eins zu viel? Oh, jetzt ist es blau und liegt unter dem Tisch. Das Gürteltier.

So fühlt man sich an einem Samstagmorgens um halb vier in „Der Registratur“ in der Blumenstraße. An den Wänden laufen Videos von durchgeknallten, bunten Viehchern und alle um einen herum lächeln einander an. Vor der Tür begegnet man einem dänischen Holländer mit Baskenmütze, der völlig verängstigt von dem „Mann mit dem großen Penis“ erzählt. Brauchst du Hilfe? Ich hab keine Angst vor großen Penissen.

Ja, war doch ein Bier zu viel. Und das Gürteltier dreht sich immernoch. Sieht aber jetzt aus wie ein Nasenbär, der Klavier spielt. Zeit, nach Hause zu gehen.

Bad Luck

The man who said „I’d rather be lucky than good“ saw deeply into life. People are afraid to face how great a part of life is dependent on luck. It’s scary to think so much is out of one’s control. There are moments in a match when the ball hits the top of the net, and for a split second, it can either go forward or fall back. With a little luck, it goes forward, and you win. Or maybe it doesn’t, and you lose

– Chris Wilton im Film „Match Point“ von Woody Allen.

Glück oder Pech. Das Phänomen ist identisch, es entwickelt sich nur in entgegengesetze Richtungen. Der englische Ausdruck „bad luck“ zeigt, dass es eigentlich das Gleiche ist. Deshalb könnte man auch sagen, dass das Pech eine wesentlich größere Rolle im Leben spielt, als wir wahrhaben wollen.

Als Beispiel gestern morgen: Ich habs wirklich eilig. Weil ich nochmal in die Wohnung gehe, um meine Flasche Wasser mitzunehmen, verpass ich natürlich die Tram und warte auf die nächste. Ich bin bisher immer mit der um 09:01 Uhr gefahren. Nie später. Und werde natürlich promt kontrolliert und bei meiner chronischen Schwarzfahrerei erwischt.

40 Euro in den Wind geblasen. Ich bin mir sicher, dass ich in der verpassten Tram nicht kontrolliert worden wäre. Das ist Pech. Aber verdientes. Hat nach einem halben Jahr Schwarzfahren in Hamburg und den zwei Wochen hier auch irgendwann mal sein müssen – ausgleichende Gerechtigkeit.

Hello again!

Eigentlich ist hier alles wie zu Hause. Die Straße vor der Tür ist ungefähr so laut wie die A5 bei Darmstadt. Samstag mäht irgendwer den Rasen unter meinem Fenster, ganz wie mein Nachbar daheim. Hier laufen sogar die gleichen Leute rum wie im Odenwald!

Da geht man sieben Jahre zusammen auf die gleiche Schule. Er war in der gleichen Klasse wie mein bester Kumpel. Viel hatten wir nie miteinander zutun. Am Campus stand er auch wieder rum. „Hey lang nicht gesehn. Was macht die Kunst?“

Gut zwei Jahre hat man so dort miteinander vor sich hin studiert. Jeden zweiten Morgen trafen wir uns in Bus oder Zug, hatten ja den gleichen Weg. Ich hab Zeitung gelesen und er hat sich drüber gewundert.

Ein halbes Jahr später steht man morgens im Westen Münchens an der Tram-Haltestelle. Völlig verpennt, weil es sich die Mitbewohnerin zur Angewohnheit gemacht hat, um halb sechs zu duschen, obwohl sie erst um neun aus dem Haus muss… versteh einer die Christen. Und wer kommt geschniegelt und gebügelt um die Ecke?

So sieht man sich wieder. „Wah! DU? Ok. Das macht mich jetzt echt fertig!“ Ja schönen Dank! Das sagen viele Männer, wenn sie mich sehen.

So ist das in München. Alles wie daheim. Nur teurer.

feilen verbindet

Es ist 18:49 Uhr. Zwei Frauen lehnen an einer der schmierigen, gefliesten Säulen in der U-Bahn-Haltestelle – die eine links, die andere rechts. Sie kennen sich nicht. Nach der Arbeitswoche sind ihre Augen matt, die strähnigen Haare fallen ihnen ins Gesicht. Ihre schweren, großen Taschen zerren an ihren Schultern – bei der einen links, bei der anderen rechts.

Während sie warten, machen sie exakt das Gleiche: Sie schauen konzentriert auf ihre Hände und feilen ihre Fingernägel. Sonst nichts.

Menschen rauschen an ihnen vorbei – Geschäftsleute, Mütter mit kleinen Kindern. Jeder hetzt, schreit und quengelt.

Nach ein paar Minuten sagt die eine zur anderen: „Wenn uns jemand bemerken würde… der hält uns doch für komplett bescheuert.“

Lachen, Nicken

Dann sagt die andere zur einen: „Ja, aber ich brauch sowas nach Feierabend. Einfach abschalten und mal nichts denken. Das entspannt. Außerdem hass ich es, wenn die Nägel einreißen.“

Für die nächsten fünf Stationen sitzen sie nebeneinander und reden über das, was beide seit Monaten beschäftigt. Sie lachen und nicken. Keiner feilt. Macht man nicht in der Bahn.

Nächster Halt Stachus. „Ich muss hier raus. Viel Glück weiterhin.“ – „Danke… Ihnen auch.“

très bon und irgendwas mit boeuf

Ja, mein Job könnte definitiv schlimmer sein. Nach Feierabend zu dem meiner Meinung nach besten Franzosen Münchens geschickt zu werden, um Fotos zu machen, hat schon was für sich.

Ich bin seit einer Woche in München, das heißt ich kenne noch kein einziges Restaurant – von Imbissbuden und einem Lidl mal abgesehen, aber ich bin mir sicher: Es gibt keinen besseren.

Normalerweie kann ich mir solche Eskapaden nicht leisten. Es sei denn ich verkaufe nachts meinen Körper. Aber selbst dann muss ich erstmal mindestens eine Woche schuften.

Kaum angekommen, schon stellen sie einem Champagner mit Melonenlikör als Aperitiv vor die Nase. Anschließend gibts in Rotwein eingelegtes Rinderfilet auf Kartoffel-Selerieschnee an Schokoladensauce. Abgerundet wird das Menu mit einer warem Schokoladentarte gefüllt mit noch wärmeren Karamel. Alles serviert mit gesäuseltem Frosösisch und einer Prise Mittelmeercharme.

Ok also nochmal: flüssiges Karamel, in einem warmen Schokoladenkuchen, Zuckerwatte on top. Genau das ist mein Himmel. Wenn ich mal tot bin, will ich exakt das. Und einen gutaussenden Kerl, der mir das dann nackt und lächelnd an den Hintern trägt.

Ich bin ja eh der Auffassung, dass man nur noch dann essen sollte, wenn es wirklich Gutes in Aussicht steht. Quartalsschlemmen quasi. Alles weitere ist nur Nahrungsaufnahme, um nicht irgendwann ohnmächtig unter dem Schreibtisch zu liegen. Das erste Mal seit Monaten bin ich völlig zufrieden und glücklich mit vollem Magen nach Hause gegangen und das obwohl ich etwas gegessen habe. Sowas lass ich ja eigentlich von vornherein.

Das Schlimme: Ich muss da nochmal hin, weil das einfach zu lecker war. Aber dann muss ich mich wohl echt prostituieren… oder Teller spülen… je nach dem.

Münchener Omas und Ivica Vastic kellnert

So und wieder hab ich etwas über „typische Münchener“ beobachtet. Das Folgende kann etwas konfus sein, da ich drei Helle getrunken habe. Ich bitte also etwaige Konfusitäten (gibts das Wort?) zu entschuldigen.

Folgendes: Münchener Omas sind mehr als suspekt. Sie sind obskur, weil sie komplett anders aussehen als Omas eigentlich aussehen sollten. Ich habe von richtigen Omas folgenes Bild im Kopf: Omas haben geblümte Kittelschürzen an in dunellila (oder hellblau), dazu tragen sie Stützstrümpfe (gegen die Krampfadern) und rennen donnertags so um zehn zu dem bimmelnden Auto, bei dem es immer frische Eier und Käse gibt. Natürlich rennen sie nicht, sie gehen langsam sehr schnell und humpeln weniger. Es eilt schließlich. Wie schnell sind Eier weg!!!

In München tragen die Omas falsche Chanel-Kostüme und Perlenketten – schwarze Flussperlen. Sie tragen Taschen mit goldenen Umhängeriemen und die Lippen sind in zarter coralle bis dunkelrot geschminkt. Münchener Omas sind also tendenziell etwas tussiger als südhessische Omas. Wahrscheinlich kaufen Münchener Omas auch einfach ihre Eier im Supermarkt.

Oh und im Pschorr am Vikutalienmarkt gibts erstens gutes Bier. (Das mit Helle, Pils und Weiße muss ich erst noch lernen, aber geht schon. Ein Helles ist ein Export aber angeblich auch ein Pils… hat der Betrunkene mir gegenüber gesagt und eine Weiße ist logischerweise ein Weizen. Oder so. Egal.) AUF JEDEN FALL sieht der eine Kellner aus wie Ivica Vastić. So, wer jetzt sofort auf Anhieb weiß, wer Ivica Vastić ist, der bekommt ein Eis von mir persönlich. Vom Schubeck am Marienplatz. Wird aber wohl keiner außerhalb Österreichs kennen… und selbst da.

Vastić war der älteste Spieler der EM 2008 und hat für Österreich einen Elfer gegen Polen verwandelt und alle haben wieder „Cordoba, Cordoba“ geschrien. (Gut, dass das vorbei ist.) Warum ich mir solche Namen inklusive Gesicht behalte und auch noch behaupte, dass ein Kellner im Pschorr genau diese Person ist, weiß ich nicht. Also er sieht definitiv so aus. War kurz davor ihn zu fragen. Geredet hat er auch wie ein kroatischer Ösi. War a bisserl perplex. Schon schräg, dass die armen österreischichen Fußballer jetzt schon kellnern müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Warum ich mir sowas merke? Keine Ahnung.