Früher war mehr Panceta

Ich dachte ja erst, es sei was passiert. Sack Reis umgefallen auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt? Alles ruhig in der Stadt, wie in Watte gepackt. Ach, ich komm ja gerade zurück aus Buenos Aires, eine der lautesten Städte der Welt. Das war früher schon so. Vieles andere jedoch hat sich seit meinem letzten Besuch vor 7 Jahren verändert.

Israel in Superlativen

Wie das so ist mit dem Reisen, man erlebt so viel, trifft so viele Menschen, führt so viele Gespräche und hat zu wenig Zeit und Muse für anderes – das gilt fürs Postkartenschreiben wie fürs Bloggen. Drei Wochen Israel gingen viel zu schnell vorbei und sind nicht annähernd genug für dieses Land – so klein es auch ist (hat etwa die Fläche von Mecklenburg-Vorpommern, inklusive der besetzten Gebieten… also denen von Israel). Die Reise in der Zusamenfassung nach Superlativen.

Mercado de Libros (Caballito)

Zum Abschied von Buenos Aires noch einen meiner Lieblingsorte: der Bücherflohmarkt am Parque Rivadavia. Nicht zuletzt, weil das gerade zwei Blocks von der Wohnung entfernt ist und man dort so wunderbar stöbern kann. Habe viele Stunden dort verbracht und mich durch verstaubte Bücher gewühlt.

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Despedida!

Man soll gehen, wenns am schönsten ist… oder man die Schnauze voll hat. Bei mir ist es ein bisschen von beidem. Dpoch ich bin schon wieder zu lang hier und es kribbelt in den Füßen. Ich muss weiter. Und zum Abschied gibts ein Bild, das für mich typisch Mendoza ist.

Gerade beim Abschied merk ich, wie viel Spaß Mendoza doch gemacht hat: der Unterricht bei Intercultural, das Kellnern in Faro. Ich hab zwar von der Vendimia, dem traditionellen Weinfest Anfang März, außer einem schnellen Blick von verschmierten Tellern Richtung Feuerwerk links und Umzug rechts nichts mitbekommen; mich trotz Weingegend nur ein einziges Mal mit Kollegen betrunken; hab die meiste Zeit zwischen arbeiten und unterrichten in der Horizontalen und schlafend verbracht;  hab das Erdbeben Ende Februar NICHT gespürt; hab neben einigen guten auch schlechte Zeitgenossen getroffen (andere Geschichte). Und doch… ich werds vermissen.

Morgen früh um halb zehn geht der Bus nach Chile, Visa erneuern; Valparaíso, Viña del Mar und Santiago innerhalb von vier Tagen anschauen und der weitere Plan sieht dann so aus:

Reiseroute Südamerika

Aus der Argentinienreise ist ein Trip durch ganz Südamerika im Zeitraffer geworden.

Anfang nächster Woche mit Sack und Pack nach Buenos Aires, das wichtigste per Post nach Hause schicken, Familie verabschieden und zum letzten Mal was richtiges Essen. Dann gehts nämlich auf die offiziell längste Busreise der Welt bis hoch nach Venezuela. Das heißt: zwei Wochen in mindestens zehn verschiedenen Bussen durch die Pampa, auf der „Ruta de los muertos“ über die Anden und hoffen, keine Abhänge hinunterzustürzen.

Sollte ich heil in Venezuela ankommen, faulenz ich etwa fünf Tage auf Isla Margartia im Hostel eines Kumpels und dann gehts am 20. April per Flieger auf die Antillen und von San Martin aus auf einer 11-Meter-Nusschale über den Atlantik Richtung Heimat. Dass ich keinerlei Segelerfahrung hab und gleich beim ersten Versuch sechs Wochen über einen Ozean schippern will, ist überraschenderweise noch gar nicht so beunruhigend. Kommt aber noch.

Ich werd vorraussichtlich Anfang bis Mitte Juni an der Nordseeküste von Board gehen und dann dürften sich so einige in Hamburg auf einen Besuch gefasst machen. Man darf also schon mal das Astra kalt stellen.

8 semanas en „Faro“

So, gekellnert wär auch.

Es wurde viel rumgeschrien, suspendiert und gekündigt. Mein 26-jähriger Chef „La cara“-Julio  (ja ganz genau, wie „The face“ aus dem A-Team) hat sechs Kellner in der Zeit rausgeschmissen. Ich war mit meinen vollen zwei Monaten so etwas wie eine Konstante in dem Laden. Mein Glück, dass ich Englisch und Deutsch spreche, sonst wär ich sicher auch geflogen.

Wenn man Essen beim Koch („No Hay!“-Jaime) bestellt hat, bekam man erst ein „Was willst du?!“, dann ein „Gibt’s nicht“ und dann ein „Immer der selbe Scheiß. Sieh zu, dass du wegkommst!“. Die Pizza war meistens kalt, der Wein zu warm und im Keller tanzen die Kakerlaken Samba auf dem Bife de Lomo.

Der eine Kollege war an meinem letzten Arbeitstag voll wie ein Schuh, hat dankenswerterweise auch während der Schicht heimlich weitergesoffen und abwechselnd Kollegen umarmt und zur Sau gemacht.

Und trotzdem oder gerade deswegen waren die letzten acht Wochen ein Heidenspaß.

Nach insgesamt knapp 400 Stunden in „Faro“ bleiben:
– 1300 angehäufte argentinische Peso
– 1000 chilenische Peso Trinkgeld
– 2 US-Dollar Trinkgeld
– 1 Paar völlig kaputte und ausgelatsche Schuhe inklusive Loch in der Sohle
– 1 selbsterstandenes und ziemlich nützliches Kellnermesser
– 4 blaue Flecke
– 1 verdrehtes Knie
– 5 Mal für eine Ukrainerin gehalten worden (nach dem 3. Mal aufgegeben, die Familiengeschichte zu erläutern)
– 7 E-Mail-Adressen von Deutschen Gästen, die ich sicher mal zu Hause wiedersehen werde
– 20 Fotos (es wären mehr, wenn die Kamera nicht so mies wär und mehr Kollegen zum fotografieren dagewesen wären)
– die Erkenntnis, dass ich gar nicht so eine miese Kellnerin bin. Jedenfalls besser als vor fünf Jahren. Eine Karriere wirds
dennoch nicht werden.

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chisme mendozino

Das ist offiziell die niederträchtigste Geschichte, die ich jemals gehört habe.

Da ist dieser Mann. Verheiratet, Vater einer 6-jährigen Tochter. Er ist der Chauffeur eines der reichsten Männer Mendozas. Seinem Chef gehören so gut wie alle Gewürzgeschäfte in der Stadt und in gewissermaßen gehört ihm auch dessen Frau.

Die hat nämlich schon seit Jahren ein Verhältnis mit dem reichen Boss und ist Mutter seiner einjährigen Zwillinge. Der Mann weiß das. Ganz Mendoza weiß das. Scheiden lassen will er sich aber nicht. Er liebt seine Frau trotz allem. Kündigen kann er nicht. Er braucht den Job, um sich und seine Tochter zu ernähren.

Seine Frau liebt ihn schon lange nicht mehr. Überhaupt liebt sie niemanden. Auch nicht den reichen Geschäftsmann. Mit ihm ist sie nur zusammen, weil er eine Menge Kohle hat. Ihre Kinder vernachlässigt sie, was diese mit Essen kompensieren. Weswegen der eine Zwilling auch unfassbar fett ist, dafür dass er erst ein gutes Jahr an Lebenszeit verbucht.

Verletzte Gefühle sucht man vergebens. Der Boss schert sich nämlich um seine Meträsse auch herzlich wenig. Sie gibt zwar eine passable Mutter für die Kinder ab aber heiraten würde er sie nie. Er vergnügt sich lieber ab und an mit 19-jährigen Mädels und zukünftigen Weinköniginnen und reist mit ihnen ins schöne Nachbarland Chile. Da hat er nämlich ein Ferienhaus direkt am Meer.

Nichtsdestotrotz will die kleine Familie zusammen in den Urlaub fahren. Der Boss, seine Freundin und die Zwillinge. Allerdings entspannt sichs mit Kindern im Schlepptau nicht so gut. Was liegt also näher, als den Chauffeur (zur Erinnerung: Der Noch-Ehemann seiner Freundin) zu fragen, ob er sie nicht durch Argentinien kutschieren will und während dem Urlaub auf die Bastard-Kinder seiner Frau und seines Chefs aufpassen kann?

Wann genau der arme Hund von Ehemann Amok laufen wird, kann ich nicht sagen. Dürfte aber nicht mehr so lange dauern.

Mendozinos

Wenn man 40 Stunden die Woche damit verbringt, zwischen einer genau aufgeteilten Sektion von Tischen hin und her zu rennen, bildet man so etwas wie eine soziale Blase um sein Fleckchen „Workspace“. Menschen, die immer wiederkehren; zu denen man eine wie auch immer geartete Beziehung aufbaut. Diese fünf Charaktere sind mir in den letzten fünf Wochen besonders ins Auge gestochen:

The Salesman
Er kommt nur freitags. Mit blendend weißem Lächeln offeriert er gebrannte DVDs aller Genre. Geübt öffnet er sein Köfferchen ohne dabei Getränke und Essen von den Tischen zu fegen und plaudert. Manchmal fünf, manchmal zehn Minuten. Immer gerade so lang, dass das Essen genießbar warm bleibt und die Gäste trotzdem Trinkgeld geben. Der Kaufmann pflegt sein Image. Frei nach dem Motto: überzeugendes Auftreten bei völliger Überflüssigkeit.

Der Minnesänger
Jeden Tag dasselbe Lied!!! Seit verdammt noch mal zehn langen Jahren spielt er auf seiner Gitarre jeden Tag ein und dieselbe Melodie!!! Hab einen Kollegen gefragt, der das seitdem jeden Tag erträgt. Ich hör das „ba dam ba dam badambadam“ Gott sei Dank nur vier Abende die Woche. Aber das reicht, um in Tagträumen zu versinken, in denen ich dem alten Mann in seinen Hochwasserhosen mit seiner eigenen Gitarre den Hintern versohle.

Die Diva
Sie trägt bunte Fummel und enge weiße Jeans. Das Make-up sitzt und vertuscht die 53, die sie mindestens auf dem Buckel hat. Ihr blondiertes Latina-Haar sitzt perfekt und wenn sie läuft klackern ihre Absätze im Takt zum Rasseln ihrer riesigen Ohrringe. Sie hat Stil. Irgendwie. Leider ist sie permanent hackedicht und schreit jeden an, der ihr nicht innerhalb von zwei Minuten keinen Drink bringt, der aussieht wie ein mit Schlagsahne garnierter Genversuch. Ich mag sie. Kann aber auch daran liegen, dass ich nie das Vergnügen hatte, sie bedienen zu müssen.

Der Nichtsnutz
Sergio lungert rum. Meistens am Spätnachmittag kommt er im Restaurant vorbei, begrüßt jede Kellnerin mit Wangenkuss und „Hola hermosa!“, will ein Glas Wasser und fängt dann an irgendwas auf Spanisch zu rappen. Dann geht er wieder. Er nennt sich John Fuss und auf die Frage, was er denn eigentlich so macht, sagt er: Er sei die neue Generation der Nichtsmacher. Aber er will mal zur Polizei. Immerhin ein anständiger Plan für seine 19 Jahre.

Das ES
Einen Cortado (Espresso mit einem Schuss Milch) ein Medialuna und danach eine Sprite und so sitzt er (bzw. sie) dann den ganzen Abend. Er (bzw. sie) ist ein Klotz von einer Person, trägt am liebsten lila Tanktops und einen fliederfarbenen Lei um den Hals. Er (bzw. sie) hat exakt die gleiche Frisur wie Javier Bardem in „No Country for old men“ und wenn es dann mal so elf ist, packt er sein Schminkköfferchen aus und zieht den Lipgloss nach. Und dann geht’s auf die Piste. Der ersten Abend als ich ihn (bzw. sie) im Minirock davon stapfen sah, war ich noch irritiert. Mittlerweile hab ich mich an den Anblick gewöhnt.

Mudanza (Vol. 2)

Ja, es gibt Gefängnisse, die komfortablere Räume haben. Und doch ist es hier um so viel besser als im vorherigen Zimmer.

Es ist wesentlich billiger. Ich wohne hier nur mit einer statt vorher mit 12 bis 15 Personen. WLAN hab ich dank der freundlichen Unterstützung eines unkomplizierten Mitarbeiters der „Truckmin Mining Services“ nebenan auch. Die Toilette hat eine funktionierende Spülung und nicht nur einen Kasten aus dem rund um die Uhr Wasser auf die Fliesen rinnt. Unter der Dusche wird man nicht vom kochend heißen Wasser wie ein Hummer schnell und schmerzvoll gegart. Die Küchenzeile ist keine Rennbahn für Schaben. Und es ist leise. Kein einziger besoffener Franzose, der irrtümlich morgens um 11 glaubt, singen und Gitarre spielen zu können.

Das einzig Doofe: Hier gibt’s keinen Dosenöffner. Jedenfalls kann ich keinen finden. Und das Internet liefert zu dem Thema auch nur bescheidene Tipps. Axt, LKW über die Dose fahren lassen, Polizei rufen. Spaßvögel. Die Polizei is so korrupt, dass die das, wenn überhaupt, nur gegen passendes Trinkgeld machen. Und von LKW-Reifen wird mein Tunfisch auch nicht schmackhafter.

Abgesehen davon gefällt mir die Billig-Kamera immer besser. Macht mangels Qualität ihrerseits und mangels Geduld meinerseits so schön verwackelte Bilder. In Kombination mit dem Babyblau im Bad und dem bröckelnden Putz im Hinterhof sieht das Geknipse so hübsch nach 50er-Jahre-Nostalgie aus. Hach…

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La elaboración de planes

Der Einfachste Weg wäre: Im März kurz rüber nach Chile, Visum erneuern, ab in den Norden Argentiniens und den „Rest“ anschauen. Dann nach Buenos Aires und gemütlich noch zwei, drei Wochen im gemachten Nest bei der Verwandtschaft gammeln. Das letzte Geld im Congo in Rum Sour investieren und Alejandro, dem schönsten Kellner der südlichen Hemisphäre, als Trinkgeld in die Schürze stecken. Dann in den Flieger und ab nach Hause.

So war’s ursprünglich geplant. Könnte man so machen, ist aber unspaßig.

Deshalb sitz ich lieber hier in Mendoza bis spät in der Nacht vorm Laptop und klamüser den kompliziertesten (und billigsten) Weg aus, um möglichst spannend wieder nach Hause zu kommen. Planungsphase hat gerade erst begonnen. Details gibt’s bei Zeiten.

Nur soviel: Es wird ein langer, anstrengender Weg. Ich werde viel im Zeitraffer sehen. Mindestens vier Wochen werde ich kaum schlafen und bei dem knapp bemessenen Budget in der Zeit wenig bis nichts Essen dürfen. Und was danach kommt, wird erst recht kein Kindergeburtstag. Das ist dann aber erst der zweite Teil der Schnapsidee.

So, das dürften genug Cliffhanger sein, um die Leserschaft n bissl bei der Stange zu halten.

Bastante embarazadas

Unfassbar wie viele dicke Bäuche hier durch die Straßen kugeln. Und alle sind sie jünger als ich!

Ich weiß nicht wie andere meiner Landesgenossen das sehen, aber wäre ich jetzt schwanger, würde ich gepflegt Amoklaufen. Einfach nur, weil ich nicht wüsste, was ich als erstes machen soll: heulen, stricken lernen, Anmeldeformular für den trilingualen Kindergaren googeln?!

Hier macht sicher keiner so wirklich Gedanken. *Plopp* und da ist schon der nächste Erdenbürger. Wie wir den durchbringen bis er auf eigenen finanziellen Beinen stehen soll, ist erstmal wurscht. Schließlich geht man ja mit 21, 22 jeden Tag kellnern und wenn das Kind dann mal so vier ist und gescheit läuft, kann man es ja auch selbst auf Betteltour an die Restauranttische schicken.

Aber vielleicht bin ich da auch einfach zu deutsch-spießig und mach mir zu viele Gedanken. Gedanken, die die demographische Pyramide in Deutschland schon seit Jahren auf ein schmales Fundament stellen. Hier hingegen ist noch alles im Lot: Die Alten schmelzen rechtzeitig und zahlreich in der Hitze Mendozas dahin und die jungen vermehren sich wie die Karnickel. In Argentinien selbst liegt die Geburtenrate bei 16,73 pro 1000 Einwohner (Stand: 2006). Ich hab keine brauchbare Info über speziell Mendoza gefunden (oder war eher zu faul für intensive Recherche in spanischer Lektüre), aber die sprengen hier die Zahl sicher um das vielfache.

Hab mich interessehalber mal erkundigt, ob es hier denn sowas wie sexuelle Aufklärung und Hinweise auf Verhütungsmittel gibt. Als Antwort kam von einem aus Buenos Aires, dass hier doch eine rechte Dorfmentalität herrsche und man sich einfach weniger Gedanken mache. Das hat mir auch ein Mendozino in meinem Alter bestätigt, der sich seit zwei Monaten stolzer Vater eines kleinen Argentiniers nennen darf: „War eine heiße Nacht und da vergisst man schon mal…“

Nein, tut man nich! Siehst ja, was dabei raus kommt. Erst eine heiße Nacht, dann ist das Kind da. Die Eltern streiten, trennen sich. Die Mutter will den Papa wieder zurück (das Kind braucht ja schließlich einen Vater). Sie schickt pausenlos SMS. Was wiederum anderen auf den Wecker geht, die es sich zur (völlig uneigennützigen) Aufgabe gemacht haben, Aufklärungsarbeit zu leisten. Irgendjemand muss es ja machen.