Hass auf das System!

Ich hasse die Organisationsstrukturen, die sich um mein Leben herumspinnen und von denen ich täglich abhängig bin.

Ich hasse als erstes alle öffentlichen Verkehrsmittel, weil sie entweder zu spät kommen, total überfüllt sind, oder nur Idioten mitfahren, die mir auf die Füße treten. Oder alles gleichzeitig, wie heute Abend der Fall.

Dann hasse ich meine das Rückmeldungssystem meiner Hochschule. Man wird nämlich netterweise exmatrikuliert, wenn man den Beitrag fristgerecht überwiesen hat, das aber zu spät dort ankommt. Erst auf Anfrage, wo denn der Studentenausweis bleibt, wird man darauf hingewiesen, dass man bitte die Säumnisgebühr überweisen möge. Mit großer Anstrengung fange ich nicht an ins Telefon zu kotzen, sondern überweise das Geld und bekomme als Dank eine Woche später meine schriftlich festgehaltene Exmatrikulation per Post. Kurz vor der Diplomarbeit rausgeschmissen! ARGH!
Um es mit den Worten eines Freundes zu sagen: „Die Hochschule lehrt (…) wie ein inzestuöser Haufen Bürokraten die Illusion ihrer eigenen Macht in den staubigen Überresten infantilen Versagens feiert. Die Hochschule leert – und lehrt, wie man sich selbst in die Obskurität befördert.“

Und dann hasse ich die Post. Ich hasse die Post, weil sie den Beweis liefert, dass man keiner öffentlichen Instutution mehr trauen darf. (Nicht genug, dass sie mir unangenehme Sachen schicken) Man darf nicht in Naivität verfallen und fälschlicherweise annehmen, dass Dinge, auf die man eine Briefmarke klebt und verschickt, auch genau so ankommen! Postbeamte sind nämlich widerliche Mistkerle, die allen Ernstes USB-Sticks aus verschlossenen Umschlägen klauen! Gut zugegeben, ich hätte den Stick in einem gepolsterten Umschlag stecken müssen und nicht in einen herkömmlichen. ABER WER KANN DENN AHNEN, DASS IRGENDEIN ARSCHLOCH DEN UMSCHLAG ABTASTET UND GEGEN DAS EINZIGE GEBOT VERSTÖSST, AN DAS ER SICH HALTEN MUSS???? Aufgerissen und rausgeklaut! Auf Nachfrage bei der Post, was man denn da machen kann, sagte man mir nur: „Nix. Hätten se mit neun Euro versichern müssen, dann wär sowas nicht passiert.“ Ein USB-Stick kostet im Handel 8,99 Euro. Soviel dazu.

So, und dann wundern sich die Leute, warum ich oft so böse schau.

Menschentrott

Ich will hier nicht über Alltagstrott jammern aber ganz objektiv betrachtet läuft wirklich jeder Tag gleich ab. Am besten kann man das an den Menschen beobachten, die mir jeden Tag begegnen. Ich kenne keinen von ihnen persönlich und doch baue ich eine Verbindung zu ihnen auf. Einfach nur, weil sie jeden Morgen den gleichen Weg haben wie ich. Menschentrott.

Ich gehe in der Regel um fünf vor acht aus dem Haus. Zur gleichen Zeit wie die alte Frau aus dem Erdgeschoss, die mit ihrem nervösen Kläffer ihre Runde macht.

An der Tram-Haltestelle 200 Meter weiter sitzt schon der Glatzkopf mit der Mc-Donalds-Dauerkarte, der mit den Wurstfingern auf seinem iPhone rumpatscht und dabei in etwa so schaut wie der Hund von der Oma zwei Stockwerke unter mir.

Kopfhörer auf und berieseln lassen. Genau drei Minuten lang, dann fährt der weiße Lieferwagen vorbei, aus dem ein ganz nett aussehender Mann etwas zu energisch grinst und winkt.

In der Tram sitze ich dann immer der gleichen abgemagerten Frau gegenüber, die eine leichte Crack-Huren-Aura umgiebt. Ihre türkisblauen Augen schauen immer so sehnsüchtig aus dem Fenster.

Am Stachus steigt die unangenehmste Person zu. Sie ist ungefähr 60, trägt einen Pagenschnitt und eine beige Steppjacke. Ich hab eigentlich nichts gegen alte Frauen und sie setzt sich auch niemals in meine Nähe. Aber die ist hyperaktiv! Braucht vier Versuche bis sie mit der Art, wie sie sitzt, zufrieden ist. Dann zubbelt sie ihren kleinen, braunen Rucksack hinter ihrem Rücken hevor und friemelt an ihrer Fahrkarte herum. Keine Ahnung wo sie aussteigt, aber ich bin mir sicher, dass sie dabei über ihre eigenen Füße fällt.

An der Theatinerstraße ist für mich Endstation und ich muss um diese schlimme Hausecke herum, bei der ich nie weiß, wen ich danach über den Haufen rennen werde. Seh ja nix. Meistens ist es ein mittelalter Geschäftsmann mit Schnauzer, Laptoptasche und Anzug. Stummes Nicken.

Irgendwo zwischen Marienplatz und Sendlinger Straße kommt mir immer dieser eine Typ entgegen, von dem ich glaube, dass es der heimliche Sohn von Lenny Kravitz und Diana Ross ist. Fantastisch große Haare. Alt ist er nicht. 20 schätze ich.

Und dann sitz ich in der Redaktion und sehe für die nächsten 9 Stunden sowieso immer die gleichen Leute. Aber das ist ja nicht ungewöhnlich.

Bad Luck

The man who said „I’d rather be lucky than good“ saw deeply into life. People are afraid to face how great a part of life is dependent on luck. It’s scary to think so much is out of one’s control. There are moments in a match when the ball hits the top of the net, and for a split second, it can either go forward or fall back. With a little luck, it goes forward, and you win. Or maybe it doesn’t, and you lose

– Chris Wilton im Film „Match Point“ von Woody Allen.

Glück oder Pech. Das Phänomen ist identisch, es entwickelt sich nur in entgegengesetze Richtungen. Der englische Ausdruck „bad luck“ zeigt, dass es eigentlich das Gleiche ist. Deshalb könnte man auch sagen, dass das Pech eine wesentlich größere Rolle im Leben spielt, als wir wahrhaben wollen.

Als Beispiel gestern morgen: Ich habs wirklich eilig. Weil ich nochmal in die Wohnung gehe, um meine Flasche Wasser mitzunehmen, verpass ich natürlich die Tram und warte auf die nächste. Ich bin bisher immer mit der um 09:01 Uhr gefahren. Nie später. Und werde natürlich promt kontrolliert und bei meiner chronischen Schwarzfahrerei erwischt.

40 Euro in den Wind geblasen. Ich bin mir sicher, dass ich in der verpassten Tram nicht kontrolliert worden wäre. Das ist Pech. Aber verdientes. Hat nach einem halben Jahr Schwarzfahren in Hamburg und den zwei Wochen hier auch irgendwann mal sein müssen – ausgleichende Gerechtigkeit.

Hello again!

Eigentlich ist hier alles wie zu Hause. Die Straße vor der Tür ist ungefähr so laut wie die A5 bei Darmstadt. Samstag mäht irgendwer den Rasen unter meinem Fenster, ganz wie mein Nachbar daheim. Hier laufen sogar die gleichen Leute rum wie im Odenwald!

Da geht man sieben Jahre zusammen auf die gleiche Schule. Er war in der gleichen Klasse wie mein bester Kumpel. Viel hatten wir nie miteinander zutun. Am Campus stand er auch wieder rum. „Hey lang nicht gesehn. Was macht die Kunst?“

Gut zwei Jahre hat man so dort miteinander vor sich hin studiert. Jeden zweiten Morgen trafen wir uns in Bus oder Zug, hatten ja den gleichen Weg. Ich hab Zeitung gelesen und er hat sich drüber gewundert.

Ein halbes Jahr später steht man morgens im Westen Münchens an der Tram-Haltestelle. Völlig verpennt, weil es sich die Mitbewohnerin zur Angewohnheit gemacht hat, um halb sechs zu duschen, obwohl sie erst um neun aus dem Haus muss… versteh einer die Christen. Und wer kommt geschniegelt und gebügelt um die Ecke?

So sieht man sich wieder. „Wah! DU? Ok. Das macht mich jetzt echt fertig!“ Ja schönen Dank! Das sagen viele Männer, wenn sie mich sehen.

So ist das in München. Alles wie daheim. Nur teurer.