Zum Tod Schlingensiefs

Mit Christoph Schlingensief ist es so wie mit Helmut Newton. Als der vor ein paar Jahren gegen die Mauer gefahren ist und das nicht überlebt hat, war ich auch bestürzt. Bestürzt, weil ein Künstler gestorben ist, den ich faszinierend fand, von dem ich aber nichts wusste, allenfalls ein paar seiner berühmtesten Bilder kannte. Plötzlich war er nicht mehr da und hat eine Lücke hinterlassen.

Bei Schlingensief ist das jetzt genau so. Sicher, die jüngeren Werke wie den Parsifal in Bayreuth hab ich auch mitbekommen. Anderes, wie sein Bad mit hunderten Arbeitslosen im Wolfgangsee und seine Partei mit der er mit dem Slogan „Scheitern als Chance“ in den Bundestag einziehen wollte: Nie davon gehört. War nicht meine Zeit. Jetzt ist Chrsitoph Schlingensief tot. Das find ich schlimm. So schlimm, dass es mir einen schönen, heißen Sommertag vermiest.

Ich bin kein Kunstmensch, kenne die Szene nicht, gehe nie in die Oper. Ab und zu ins Theater. Kunstausstellungen? Joa, wenn es sich ergibt, muss aber nicht. Warum mich sein Tod dennoch so betroffen macht? Schlingensief war für mich der letzte echte Punk in Deutschland. So steif und uninteressant unser Land auch geworden ist. Schlingensief hat auf den Haufen Scheiße gezeigt und ihm Farbe verliehen. Er wurde nie alt, nie langweilig. Eine schillernder Fleck in einem öden Land. Er war ziemlich cool.

Das Land ist ohne ihn eine Nuance grauer geworden. Das ist ganz schön traurig.

Natürlich ist Jackson tot.

Wenn das ZDF an einem Freitagmorgen um 00:25 Uhr eine Sondersendung zu Michael Jackson bringt, muss er ja tot sein. Warum sollte man sonst sein Leben zu einer Uhrzeit zeigen, zu der maximal einsame Kerle vor der Glotze hängen und sich die  Sexy-Sport-Clips auf DSF anschauen.

Ich war nie Jackson-Fan, aber er war präsent. Er war der letzte Superstar und hat musikalische Maßstäbe gesetzt. Sein Tod kam zwar etwas plötzlich aber überrascht hat er mich nicht.

Der Mann tat mir leid. Eine arme, gequälte Seele, Produkt einer kranken Welt. Jetzt hat er es geschafft, das alles nicht mehr ertragen zu müssen…

zwei sterben

Eine ganze Generation wird zu Medienfuzzis. Auf irgendeine Art und Weise drängen immer mehr Menschen, mit denen ich die Schulbank gedrückt habe, in DIE Branche. Sie fangen entweder an zu schreiben, animieren Kinofilme oder drehen selbst welche. 
 
So weit, dass es für deinen Kinofilm reicht, ist derjenige, um den es hier geht, noch nicht. Aber bald. Vielleicht. 
 
Rückblick in das Jahr 1996:
Irgendwann zwischen Montag und Freitag, saß ich vormittags im Englischunterricht. Ich war elf und mein Kleidungsstil befand sich noch im Entstehungsprozess. Ich trug ein beiges Oberteil aus grobmaschigem Leinen. Es war etwas zu weit. Das ist sehr von Vorteil, wenn man ein dickes Kind ist. Ich saß also recht geschmacklos in der zweiten Reihe und dachte an nichts Böses als mich ein rothaariger Junge antippte, mit dem Finger auf mich zeigte und mich lautstark „Kartoffelsack“ nannte. Fand ich damals unschön. War aber gerechtfertigt, wenn man heute aus der Distanz darüber nachdenkt.
 
Nun ja. Genau dieser Junge, Marc Rühl, studiert heute an der Kunsthochschule im wunderschönen Offenbach und dreht Filmchen. Sein Kurzfilm „Zwei Sterben“, eine Zusammenarbeit mit 3-Sat und dem ZDF, lief heute um 21 Uhr auf erstgenanntem Kanal. Ein Animationsfilm zum Themenabend „Bruder Tod“.   

Wie schön. War etwas verstörend und ich hab ihn glaub ich nicht wirklich verstanden, aber das muss ja bei Kunst auch so sein.  

Im Anschluss läuft gerade eine Dokumentation über das besondere Verhältnis von Österreich zum Tod. Ich hab das Thema ja schon einmal erörtert. Irgendwie muss was dran sein, wenn die Öffentlich-Rechtlichen sogar sagen, dass das Völkchen verwesungstechnisch sehr euphorisch gestimmt ist und sie dem ganzen Elend auch noch über eine Stunde Sendeplatz zubilligen.

Mehr möchte ich dazu jetzt aber nicht sagen.

Bio an der Haustür

Es klingelt an der Tür. Normalerweise lautet die Devise in solch einer Ausnahmesituation: Tot stellen. Geduckt unter den Fenstern durchkrabbeln. Ganz so als säße ein Scharfschütze im gegenüberliegenden Haus, der nur darauf wartet, dass sein Laserpointer auf ein Stück Haut trifft.Normalerweise bin ich aber auch neugierig. Könnt ja etwas Wichtiges sein. Zum Beispiel der Postmann mit meinen neuen Schuhen. Aber Fehlanzeige. Vor mir steht eine Frau mittleren Alters mit burschikosem Haarschnitt (irgendwann hätte man mal dazu „flott“ gesagt) und einem Korb voll Äpfeln.“Schönen guten Morgen die Dame. Ich habe was zum Naschen mitgebracht!“Wuhuuuu!! Endlich den langersehnte Stripper??? Ach ne… Äpfel. Puuuuuh, hab eigentlich welche da.“Kartoffeln vielleicht?“ Ähm…“Nektarinen, Mandarinan, Orangen. Alles frisch vom Bodensee!“ Wusste nicht, dass der Bodensee in der südlichen Hemisphäre liegt und im Winter solche Vitamin-Schätze abwirft. Aaaaaber nein Danke.Seit wann kommt denn der Supermarkt in Form von einer Person zu einem nach Hause?? Das ist doch unwirtschaftlich. Was machen denn die armen Angestellten im Netto um die Ecke, wenn plötzlich Bodensee-Obst-Bäuerinnen ihnen als Klinkenputzer Konkurrenz machen?! Die verlieren ihren Job. Zack arbeitslos wegen irgendwelchen Bio-Schlampen mit Getreide in den Taschen.Auf der anderen Seite… Wenn die noch Milch, Haferflocken und Nudeln im Repertoir hätten, müsste ich mich noch weniger bewegen als sowieso schon. Was wirklich kaum möglich ist. Oder ein Supermarkt-Lieferservice. Oh Gott das gibts glaube ich schon für alte Leute.Na wir wollen ja das Unausweichliche nicht auch noch künstlich beschleunigen. Die ersten Falten sind immerhin schon sichtbar…

Eimer-im-Auto-Zeit

Sollte ich irgendwann auf unnatürliche Weise ums Leben kommen, wird das wohl in einer regnerischen Nacht Mitte März passieren. Ich werde im Auto sitzen, der Regen prasselt auf die Windschutzscheibe und meine Scheinwerfer schieben sich auf den nassen Asphalt durch die Dunkelheit. Plötzlich sehe ich ein braunes, kleines Etwas, das durch den Regen über die Straße wandert. Langsam und gemächlich. Ich reiße das Lenkrad nach rechts, nach links. Noch eins! Wieder nach rechts! Ich verliere auf der nassen Fahrbahn die Kontrolle und mein Wagen prescht gegen die Leitplanke (oder in den Gegenverkehr, oder gegen einen Baum…). Es überschlägt sich, geht in Flammen auf und explodiert mit einem lauten KAWUUUMMM! Ganz großes Kino.Man mag mich zu einem gewissen Grad öko (wahlweise wahnsinnig nennen) aber ja, ich mag Frösche und jedes Mal wenn ich einen unabsichtlich (!) trotz des Reaktionsvermögens einer mittelprächtigen Katze ins Jenseits schicke, tut mir das endlos leid und ich fahre als Wiedergutmachung extra zu dieser einen Straße, um dort möglichst viele der Kleinen in meinen Auto zu sammeln und sicher zum Tümpel zu bringen: Eimer-im-Auto-Zeit.Ein Trost für alle, dies kümmert: Nur die Besten sterben jung. Es kann also noch ein Weilchen dauern bis meine verkohlte Leiche aus einem Autowrack geschnitten werden muss.

Letzte Amtshandlungen

Schnulzige Serie gesehn (mag nicht sagen welche) Jedenfalls stellte eine Stimme zum Schluss die Frage:Wenn du wüsstest, dass dies dein letzter Tag ist. Wie würdest du ihn am liebsten verbringen?Jaaa schon klar, unendlichste Klischee-Frage für relativ einsame Mittwoch-Abende nach einem wirklich sehr schrägen Tag, aber kann man ja mal drüber nachdenken.Zunächst würde ich essen. Ich würde essen, weil ich wüsste, dass ich in Zukunft einfach nicht gut aussehn muss, da ich ja wie erwähnt tot bin. Ich esse seit einem guten Monat nicht besonders viel, weil ich mir einbilde, ich würde noch mindestens 50 Jahre lang leben. Und dafür muss man ja gut aussehen. Sonst hat man ein halbes Jahrundert miese Laune. Und mir haben schon vier Monate Depression gereicht.Also kaufe ich mir an meinem letzten Tag alles, worauf ich Lust habe: Unmengen Sushi, Garnelen, Lachs, Lammfilet, Rotkraut, Senf pur… nur den besten. Griespudding mit Himbeeren. Brownies, die die ganze Masse des Universums in einem Stück vereinen – Tonnen wiegen. Ich bestelle mir eine LKW-Ladung Carpaccio. Hauchdünn mit frischen Artischockenherzen, feinem Knoblauch, dem besten Olivenöl. Viel Käse. Guten Käse. Und dazu trink ich den teuersten Sherry. Mir egal, ob man den vor, nach oder während des Essens trinkt. Scheiß auf Konventionen. Hab ja nur 24 Stunden. Und Sherry ist köstlich. Es wird noch viel mehr Sushi geben. Ein nie versiegender Strom Fisch in Gemüse eingerollt in Reis und Nori. Und einen riesigen Topf Chili. Heißes, super scharfes Chili. Chili von dem die Lippen brennen, weh tun, ganz rot werden und anschwillen. Einfach nur weil scharfes Essen Trumpf ist.Nach dem Essen würde ich alle Menschen anrufen (oder besuchen), die mir auf irgend eine Weise wichtig sind oder waren und einmal in meinem Leben wirklich sagen was ich denke. Nicht mehr um den heißen Brei rumreden. Ehrlich sein. Zugeben, dass ich Fehler gemacht habe. Heulen wenns sein muss. Lachen wenn man nicht anders kann. Einsehen, dass ich so verdammt wenig weiß und vielleicht bereuen mein ganzes Leben damit verbracht zu haben, es anderen zu beweisen, dass ich doch irgend etwas weiß. All den Neid, die Missgunst vergessen. Endlich mal diese verdammte „ich muss es irgendwie der Welt zeigen“-Fassade ablegen. Und mich endlich was trauen. Wen kümmern dann noch Konsequenzen. Scheiß doch drauf. Wer nach seinem Tod einen guten Eindruck hinterlassen hat, hat nicht gelebt.Musik. So viel Musik, die ich noch hören muss. Ich werd an diesem Tag nur einen Song laufen lassen. Den ganzen Tag. Ein Song, den ich seit 10 Jahren höre. Von dem ich immer wieder eine Gäsehaut bekomme, wenn das Geigen-Intro beginnt. Das ich langsam lauter drehe bis die Drums einsetzen… Und ich werde laufen. Mit diesem Lied im Ohr. Laufen. Keine Ahnung wohin. Es ist wahrscheinlich Oktober. Es scheint die Sonne. Es ist kühl. Laufen und Lächeln. Und das ganze bitter-süße Leben revuepassieren lassen. Und darüber lachen. Ich werde meine Lieblings-Jeans anhaben. Genau die Jeans, die ich so ziemlich jeden Tag anhabe. Die schon zerissen war, genäht wurde, jedes Wochenende vor lauter Kiez-Dreck von alleine stehen kann. Deren Saum an der Hacke zerfetzt ist. Und dann darin Laufen und Lächeln.Und ich würde küssen. Nein, bloß keinen Sex haben am letzten Tag. Das ist albern. Überflüssig. Miese Idee. Aber Küssen. Stundenlang. Keine Ahnung wen, keine Ahnung warum. Weiß übrigens langsam warum Prostituierte ihren Kunden nicht erlauben, sie auf den Mund zu küssen. Weil es nichts Schöneres gibt. Deshalb. NICHTS Schöneres. Und es kommt im Laufe des Single-Daseins so unglaublich zu kurz, weil man es nur als Vorbereitung für weitere Unternehmungen sieht. Dabei erfährt man beim Küssen so viel mehr von der Person. Jeder Mann vögelt gleich. Kein Mann küsst wie der andere. Ja für solch tiefgreifenden Erkenntnisse musste ich 22 Jahre alt werden. Unglaublich.Und wenn der Tag sich langsam dem Ende zuneigt, werde ich einfach diesen Blog löschen. Zack und weg. Sowieso schon längst überfällig… wenn ich nur den Knopf finden würde…… ich glaub heute wird ein guter Tag.