Ein Lächeln in der Fremde

Mit einem Allerweltsgesicht wie meinem falle ich nirgends wirklich auf. In Südamerika hält man mich für eine Argentinierin, in Odessa für eine echte Ukrainerin, in Israel für „a jewish girl from the US“, in Hebron für eine Palästinenserin, die ihr Kopftuch vergessen hat. Die Liste ist endlos. In Taipei ist das endlich anders …

Büro-Lächeln

Der strategisch ungünstigste Platz im Büro ist der mit Blick auf die Tür. Dauernd sieht man Kollegen vorbei gehen und JEDER schaut rein und lächelt. Völlig egal wie oft man sich am Tag schon gesehen hat.

Das „Guten Morgen. Ich werd mich mal an die Arbeit setzten, wünsch dir auch viel Spaß“-Lächeln geht noch völlig in Ordnung. Mittags das „Kantine war echt würg, aber hey: wenigstens satt. Und du so?!“-Lächeln ist auch noch akzeptabel. Oder die „War grad Rauchen“ oder das „Lecker Kaffee. Prost“-Lächeln sind grenzwertig, aber naja. Und die „Joa komme gerade vom Klo/Drucker/Shop/irgendwasanderem und schlender jetzt so rum“-Lächeln nerven – arg.

Das Schlimme ist, dass ich das erwidern muss. Erstens hab ich mir ja vorgenommen, nur noch debil zu grinsen (was schon nach zwei Tagen langsam albern wird) und zweitens will ich nicht unhöflich sein. Und dauernd auf den Bildschirm starren, ist auch keine Lösung. Vielleicht sollte ich mir einen überdimensionierten Smiley ausdrucken und den in Kopfhöhe aufstellen. Dann denkt jeder, ich sei megafreundlich. Müsste vorher aber ein paar Wochen hier mit gelbem Kopf auftauchen, damit sich die Kollegen an den Anblick gewöhnen. Oder ich mach einfach die Tür zu.

zmile

Meine US-Argentina-Tante ist eine sehr kluge Frau. Nicht nur, dass sie „go fuck yourself“ in den passenden Momenten sagt – nein, sie gibt auch sonst recht brauchbare Sachen von sich.

Zum Beispiel: „Gibt bei allem, was du tust, 100 Prozent. Du wirst keinen Job bis an dein Lebensende machen. Solange wie du ihn machst, sei gut darin und hab Spaß daran!“

Oder: „Lächeln macht gute Laune. Und nicht nur die Hübschen anlächeln! Die anderen freuen sich darüber um so mehr.“

Plan für dieses Jahr: Ich werde jeden Tag alles und jeden anlächeln vornehmlich aber doch große, schlacksige Typen mit dunklen Haaren. Heute morgen habe ich damit angefangen und siehe da: gute Laune meinerseits. Mal sehen wie lange ich das durchhalte.

Weisheit des Tages

Pferde landen, wenn man sie genug geritten hat, beim Abdecker und werden Hundefutter.

So ist das. Danke an A. für das Lächeln, das sie mir damit aufs Gesicht gezaubert hat.