Nordend ohne Namen

Ich habe nie im Nordend gelebt. Hier im Nordosten Frankfurts zu leben, das bedeutet: Termine in bilingualen Kitas wahrnehmen, dienstagmorgens im Glauburgcafé mit der besten Freundin Latte Macchiato trinken und dabei durch die RayBan in die Sonne blinzeln. Wer hier lebt, kennt den Besitzer des Bio-Gemüseladens beim Namen und erkundigt sich nach dem Befinden seiner Frau, während er man die Demeter-Quitten in einer Papiertüte verstaut.

Kilometerstand Null

Frankfurt: km 0

Huh, jetzt wohn ich schon seit acht Monaten in Frankfurt und hab noch kein einziges Wort hier darüber verloren. Aber Bilder sagen eh mehrmals … jaja bla bla. Was ihr seht, ist die Skyline von Frankfurt … obviously. Frankfurt ist der Startpunkt meiner Reise nach Kiew. Kilometerstand null.

Die Schachtel, der Arzt, die Nadeln und ich.

Ich war noch nie so schnell 96 Euro los. Guten Tag. Wo solls hingehen? Aha. Ja dann machen wir heute Hep A und Gelbfieber. Desinfizieren, zwei Stiche. Vorne können Sie mit EC-karte zahlen. In vier Wochen dann noch ein Termin. Und das alles innerhalb von 4 Minuten.

Waaah Stopp! Halt! 96 Euro??!! Für zwei Röhrchen Serum, von dem ich nicht mal weiß ob es wirkt. Der hätte mir Kochsalzlösung injizieren können und ich hätte es in der Eile nicht gemerkt. Gut, auch sonst nicht, aber ich hätte wenigstens interessiert tun können.

Außerdem hab ich mir eine Tropeninstitut eher wie ein Institut vorgestellt. Also groß. Überall rennen engagierte Ärzte ohne Grenzen rum und behandeln auf den Fluren Malarianotfälle. Kleine Schokokinder weinen in den Armen ihrer Mütter, weil sie Angst vor Spritzen haben.

Stattdessen ein winziges Wohnhaus, etwa in den frühen 30ern gebaut, im Osten Frankfurts. Ist damals wahrscheinlich auch das letzte Mal gestrichen worden. Eine verwitterte Treppe mit Metallgeländer und dem typisch bronzefarbenen Gummiüberzug führt zu einer Holztür. „Dr. Soundso, Arzt für Reise- und Tropenmedizin“ steht auf dem Schild. Den angerosteten Klingelknopf kann man der Einfassung kaum sehen. Und es ist schattig.  Herr je, wie unspektakulär!

An der Rezeption sitzt eine alte Schachtel, die irgendwann mal gut aussah und den Zustand scheinbar durch Permanent-Make-Up an Lippen und Augen wieder herzustellen versucht. Vergeblich. Der Arzt ist ein etwas stressiger Endvierziger, der wahrscheinlich selbst mal tropisch auf Achse war und sich dann irgendwann dachte, doch mal „sesshaft zu werden“. In einer winzigen Praxis in Hessen. Wundervoll. Sonst war da niemand. Die Schachtel, der Arzt, die Nadeln und ich. Den Rest der Geschichte kennt man bereits.

In drei Wochen dann nochmal ins Einfamilienhäuschen. Restliche Ladung Impfstoff. Das kostet aber dann nur 30 Euro. Immerhin.

Wut und Raserei

Es ist wirklich nicht schwer, mich in Rage zu bringen. Da reicht ein Wort im falschen Moment oder ein verpasster Zug und die linke Augenbraue beginnt zu zucken. Das ist aber noch vergleichsweise harmlos. Rumgeschrien wird erst im Auto, wenn ich es nach der dritten Ampelphase immernoch nicht über die Kreuzung geschafft habe, weil der Vollidiot in dem hässlichen Twingo vor mir das Gaspedal noch nicht gefunden hat! Und das Spiel läuft bereits seit sechs Minuten!!! 

Dann kann es schon mal vorkommen, dass ich fremden Menschen lautstark ewige Höllenqualen wünsche, die ich ihnen persönlich zufügen werde! Während ich irgendwas von heißen Lötkolben und grausamen Schmerzen brülle, schlage ich das Lenkrad fast kaputt und hol mir dabei blaue Flecken an den Handinnenflächen.

Nein, als cool und gelassen kann man mich wahrlich nicht bezeichnen.

Ähnlich actionreich verlaufen Tage wie heute, an denen ich fünf Stunden meiner Lebenszeit dafür verschwende, in Frankfurt das sauteure Handy auszuprobieren, das bei mir zu Hause nicht funktioniert, dort aber angeblich schon. (Man muss bedenken, dass ich gut zwei Stunden mit der Bimmelbahn brauche, bis ich mal in der Stadt bin.)

Ich hab mir ein Bein ausgerissen, um dieses Handy während der EM zu bekommen. Ich habe PR-Fuzzis zugesäuselt, habe mit Marketing-Heinis am Telefon geflirtet. Mit Erfolg! Zwei Tage später war das Ding im Briefkasten. Und dann stehe wie ein Vollidiot auf dem Willy-Brandt-Platz vor der EZB und fuchtel mit der albernen Antenne in der Luft rum, um ein Fernsehsignal zu empfangen. 

Und? Das einzige was ich sehe, ist ein Ausrufezeichen auf dem Display. Das Ding ist Schrott! KAPUTT! Woher ich das weiß? Direkter Vergleich mit einem anderen Gerät im Handyshop. Das hat funktioniert. Meins nicht!

Ich seh trotzdem davon ab, rumzubrüllen. Einfach, weil ich mich dann noch mehr zum Affen mache als sowieso schon mit der Retro-Antenne. Aber die Augenbraue zuckt immer noch und in ein paar Jahren wird ein LG-Mitarbeiter in der Hölle sehr sehr wenig Spaß haben. Ganz im Gegensatz zu mir.

Crashkurs Ffm

Exkursionen macht man ja irgendwie viel zu selten. Dauernd sitzt man sich in der Uni den Hintern breit, statt mal vor die Tür zu gehen. Schluss damit. Endlich mal Frischluft für die angematschten Online-Journalisten-Hirne und auf zur Butterfahrt nach Frankfurt. Bin selten tagsüber da, aber muss sagen: So mit Blättern an den Bäumen,kann mans echt aushalten. Aber man ist ja nicht zum Spaß da, sondern um sich zu bilden. Ein Resümee.
  • Ich dachte echt, dass es an der Börse ein bisschen mehr abgeht. So mit Rumfuchteln und schreien und heulenden Brokern. Irgenswie sitzen die da aber auch nur stumm auf dem Parkett und tippen. 
  • Die Wandverkleidung in der Börse ist so wie der Bodenbelag bei CNN. Nur ein bisschen anders. 
  • Ich hab einen Stapel Prospekte. Unter anderem eines zu „Fontshandel kinderleicht“ mit dem mit Abstand am dümmsten grinsenden kleinen Jungen, den ich je bewundern durfte. 
  • Keiner drückt auf Dinos Kommando die blanken Brüste an die Besucherabsperrung und irritiert/interessiert damit Broker. Warum eigentlich nicht?
  • Es gibt Frauen, sie sind im Gesicht 100 und an den Beinen 25. Weiß jetzt nicht, obs andersrum besser wäre…
  • In Frankfurt tragen echt ausnahmslos alle Anzüge. Auch wenn ihr Job nur darin besteht, den ganzen Tag schief auf irgend einem Bürostuhl zu sitzen und Ticker zu begutachten. Und das sind genau die, die afterwork im Living weiterschnöseln.
  • Egal welche Etage man betritt, irgendwo wird immer jemand mit Buffet und Sekt empfangen oder verabschiedet. Auch im Anzug. 
  • Spiele mit dem Gedanken einen Praktikumsabstecher zu Reuters zu machen. Ein wenig Masochismus muss schon sein.
  • Stadt riecht im Sommer besser als im Winter
schönster Spruch:
Commerzbank-Mitarbeiterin: „Sie können ihre Taschen ruhig hier stehen lassen. Wir pflegen uns nicht am Eigentum unserer Kunden zu bereichern.“
Professor: „Ach und ich dachte, das ist die Basis Ihres Geschäftsmodells.“

Do not disturb!!! (Ganz bewusst ohne „please“)

Ich hasse es, wenn man mich im Zug nicht in Ruhe lesen lässt. Ich hasse es wirklich. Da sitze ich schon möglichst seperat, baue auf dem Platz neben mir mittels Tasche, und Jacke ein Schutzschild gegen potentielle Banknachbarn auf und trotzdem fühlen sich manche Menschen eingeladen, sich neben mich zu setzen. Auch wenn das Abteil halb leer ist!!!Normalerweise schlage ich dann übertrieben heftig meine Zeitschrift/Zeitung zu, klemme sie mit einer theatralischen Geste zwischen Oberschenkel und Sitz und räume betont langsam meinen Kram beiseite. Der Störenfried bekommt ein mattes Lächeln bevor ich meine Lektüre ruckartig wieder aufschlage und besonders laut umblättere. Ein divenhaftes Seufzen kombiniert mit einem Kopfschütteln rundet dann in der Regel die Vorstellung ab.Sofern der Eindringling nicht unbedingt kommunikativ sein will und anfängt zu reden. Mit mir. Weiß der Teufel warum. Normalerweise antworte ich knapp mit „Aaahja…“ oder „Aha, ja so ist das…“, den Blick immer schön auf die Seiten gerichtet. Das funktioniert auch ganz gut. Nach ein paar Minuten fällt dann auch dem letzten Idioten auf, dass ich absolut kein Interesse an Unterhaltungen über das Wetter oder die Zugverbindung nach Frankfurt habe. Weil: am Wetter kann man sowieso nichts ändern und solang ich in Frankfurt ankomme, ist mir auch ziemlich egal seit wann das Bahn-Unternehmen schon die Strecke genau so abfährt wie sie sie abfährt.Das klappt eigentlich immer. Außer bei einer bestimmten Art von Mitmensch: Sie ist weiblich, zwischen 68 und 120, geht am Stock und trägt einen Hut, um die Seniorendauerwelle vor Wind und Wetter zu schützen. Wenn alte Damen mühsam angewackselt kommen und so nett lächeln, kann man einfach nicht anders, als auch nett zu sein. Das ist wie mit kleinen Kindern. Wenn die lachen, muss man ja auch lachen. Mit denen fängt man auch zwangsläufig an zu spielen, wenn sie sich neben einen setzen. Nun, ich hab mit der alten Frau nicht Ringelrei getanzt. Aber ich bin zumindest schon mal nicht ausgeflippt als sie „Ahje, schneit ja draußen!“ gesagt hat. Stattdessen habe ich brav meinen Spiegel beiseite gelegt und „Jaaaa, wird mal Zeit, dass es Frühling wird. Blüht ja schon alles.“ geantwortet. Dann erzählte sie mir völlig ohne thematische Überleitung von ihrer Schwiegertochter, die an Brustkrebs leidet. Das traf mich dann doch recht unvorbereitet. Der Spiegel wanderte in die Tasche, Köhler und Konsorten können warten. Noch 20 Minuten bis Frankfurt/Main Hauptbahnhof.

Klassengesellschaft

Der wohl größte Unterschied zwischen der ersten Klasse im ICE und der zweiten Klasse in der Regionalbahn liegt beim Alkohol, der ausgeschnekt wird, und bei den Personen, die ihn zu sich nehmen.Auf der Strecke Frankfurt – Wien lassen sich Geschäftsleute im Business-Dreiteiler eine Pino-Grigio-Schorle nach der anderen am Platz servieren. In der Bahn aus dem Wald nach Frankfurt packt ein picklige Berufsschüler schon morgens um acht das dritte Pils aus und schiebt nach dem letzten Schluck die leere Flasche verstohlen zu den anderen in den Rucksack zurück.Betrunkene Anzugträger werden mit ein paar Promille im Blut sehr redseelig und fangen an zu plappern, wenn man eigentlich seine Ruhe haben will. Beruffsschüler hingegen hören Musik beim Trinken und reagieren nicht auf die stillen, flehenden Blicke meinerseits. Morgens Bier trinken in der Bahn ist definitiv assi (wenn man nicht gerad ein Hamburg wohnt) aber manchmal echt nötig.So von wegen: den Ganzen Tag Nummernschilder eintippen… aber das ist eine andere Geschichte.

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Ok, gebs zu. Das ist jetzt mehr ein Alibi „Ich hab endlos viel zutun, und keine Zeit zu bloggen, aber ich mahcs trotzden, damit die Leute nicht denken ich sei tot“-Eintrag.

Viel ist nicht los, außer ein Haufen Arbeit, ein Tick zu wenig Schlaf und stohiges, strapaziertes Haar (steht jedenfalls auf meiner Shampooflasche, und die muss es ja wissen)

Was ich jedem empfehlen kann ist eine Nacht am Frankfurter Flughafen zu verbringen. Nicht langweilig in einem Hotel für 80 Euro die Nacht, sondern wie es sich gehört auf einer Bank im oberen (nicht ganz so schönen) Bereich des Terminal 1, wo die Kabel von den Decken hängen. Da erstmal versuchen vor 12 neben der Stechuhr einzuschlafen. Sollte das wider Erwarten und trotz der abertausend Fraport-Mitarbeitern, die dort ihren Feierabend berauchen und begießen, funktionieren, dann Glück gehabt.

Ansonsten einfach den Platz wechseln und auf einer nicht minder unbequemen Bank sich betten und langsam wegdämmern. Nach zwei Stunden wacht man dann wieder auf. Sieht sich benommen und etwas verärgert nach dem/den Unruhestifter/n um und was sieht man: 2 braungebrannte, junge Portugiesen/Spanier/Italiener (habs nicht richtig verstanden), die neben dem Schlafplatz sitzen und essen. Einfach so dasitzen, und gutaussehenderweise Backwaren in sich reinstopfen.

Dann ist es erstmal vorbei mit der Nachtruhe. Von nun an darf man nämlich nicht einfach schlafen, sondern muss dabei auch noch gut aussehn und wenn möglich es unterlassen irgendwie zu schnarchen oder sonstige unattraktive Geräusche von sich zu geben. Das macht man dann aber auch nur 5 bis 10 Minuten bis einen die Müdigkeit überkommt und man sich einfach wieder hinlegt für die nächsten 44 Minuten. Dann nämlich wird man von einem der Portugiesen/Spanier/Italiener im Schlaf getreten. Schönen Dank.

Um 4:40 ist dann auch diese zauberhafte Nacht vorbei. Die Portugiesen/Spanier/Italiener sind schon weg zum Flieger. Man selbst schlägt die Zeit bis 8 Uhr mit Lesen, Kaffeetrinken und EC-Karten im Geldautomat versenken tot und wünscht sich selbiges Schicksal für sich selbst und die Bankangestellte im Odenwald, die die Karte „versehendlich“ wieder gesperrt hat.

Und dann zurück nach Hamburg. Hach ja…