Das Gegenteil von Liebe

Sie sieht ihn. Er sieht sie. Unregelmäßig. Ab und an im Zug. Wie man sich eben so auf dem Weg zur Arbeit sieht. Ein Nicken, ein Lächeln, das nach der Hälfte erstickt. Ein stummes „Darf ich mich setzen?“. Er liest, immer dann wenn sie ihn sieht, ein Buch über Knochen-Serienmörder-Psycho-Kram. Sie liest, wenn er sie sieht, Zeitung – wie üblich. Miteinander reden sie kein Wort, die Blicke starr auf Satzfetzen gerichtet. Sie denkt: Jooaaa… Er denkt: irgendetwas anderes.

So geht das Monate, ein halbes Jahr, noch länger bis man sich wiedersieht.  Diesmal woanders. Er steht am Bierstand und ordert einen Meter Bier. Ist so üblich in der Gegend. Sie bestellt nur eins. Muss noch fahren. Er lächelt, sie lächelt. Schließlich unterhalten sich. Eher schleppend. Über Bücher, die er morgens liest und über Arbeitszeiten zu denen sie anfängt. Wie man sich eben so unterhält wenn der eine zu betrunken ist, um unterhaltsam zu sein, und der andere zu nüchtern, um da Gegenüber unterhaltsam zu finden. Trotzdem ist sie nervös. Könnte an den behaarten Unterarmen liegen und den Stoppeln im Gesicht. „Vielleicht sieht man sich nochmal im Zug!“ Joaaa.

Zwei Wochen hat sie sich vor der Arbeit ein bisschen mehr Gedanken über ihre Gaderobe gemacht. Zwei Wochen lang stand sie am Bahnhof und hat sich die Haare zurecht getrichen. Völlig grundlos. Eigentlich fand sie es auch völlig belanglos. Was solls.

An einem Abend im Spätsommer nach einem Besuch in einer Bar: Rosé gabs. Einen ganz dunklen aus Spanien. Als besonders aromatisch hat ihn der Kellner angepriesen. Wie auch immer. Und Binoade aus Quitte. Dem Obst, das sie nie so wirklich verstanden hat. Egal, es schmeckt.

Sie sehen sich wieder. Unverhofft dieses Mal. Sie steigt in den Zug nach Hause, er reibt sich die Augen. Es ist schon spät. Gedanken über Kleidung und Haare sind jetzt hinfällig. Sie setzt sich zu ihm. Er lächelt und döst. Sie ist es, die diesmal ein Buch liest (keinen Knochen-Serienmörder-Psycho-Kram). „Schlaf ruhig weiter.“ – „Werd ich machen“. Sonst kein Wort. Zum Ende der Fahrt plaudern über dies und das. Belangloses Zeug. Was macht er, was macht sie. Eigentlich auch egal.

Ein Blick auf die Unterarme, die Stoppeln im Gesicht und das einzige, an das sie denken kann, ist, wie unglaublich arg sie aufs Klo muss.

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