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36 Stunden zwischen Müll und Schüssen

von Pia am 6. April 2010

Ostersonntag ist der perfekte Tag, um den Staat zu erpressen. Viele Menschen, wollen zu ihren Familien und sind deshalb auf den Autobahnen Perús unterwegs von oder nach Lima.

Wenn man dann so ein Minenarbeiter ist, unzufrieden mit seinen Arbeitsbedingungen – den niedrigen Löhnen, den fehlenden Sicherheitsstandards und den drei toten Kollegen in einer Mine in Arequipa – dann ruft man seine paar hundert Kumpel an und errichtet kurzerhand morgens um vier eine Barrikade auf der wichtigsten Nord-Süd-Verbindung Perús, kurz vor Chala auf dem halben Weg zwischen Aequipa und Lima.

Was erst nach einem kurzen Streik aussieht, dauert. Stunden. Erstmal muss die Barrikade fest stehen. Dann bildet sich ein Stau über mehrere dutzend Kilometer. Die Polizei ist relativ schnell da, aber die Presse lässt etwas auf sich warten. Die ist mit das wichtigste Glied. Was bringt schon ein Protest wenn keiner was davon mitbekommt?

Die ersten beiden Stunden schlafen wir einfach, geht uns nichts an. Um acht gibts Bordfrühstück im Luxusreisebus. Die Stimmung ist auch dann noch gut. Erst als die Mittagshitze langsam über die Hügel kriecht und sich immer noch nichts tut, werden einige ungeduldig. Das erste Kind quengelt.

In der Ferne sehen wir die Hauptverkehrsstraße von Chala, die einzige Verbindung nach Lima. Mittlerweile ist es elf. Menschen rotten sich dort zusammen, Armeefahrzeuge fahren ins Zentrum. Helikopter kreisen über der Stadt. Schüsse. Von der anderen Seite der Stadt kommen die ersten mit Sack und Pack zu Fuß. Einer hat kitschigerweise sein kleines Kätzchen in seiner Reisetasche und berichtet von zwei Toten, die er selbst gesehen hat. Im Radio sprechen sie erst von sieben, dann von acht. Mehr Information gibt es nicht. Wir können nur warten.

Die Stimmung kippt und es passiert, was in Krisensituationen immer passiert. Es entwickelt ich eine ungesunde Gruppendynamik und einer schwingt sich zum Anführer auf. In unserem Fall eine Frau um die 40 im hellblauen Polo und schlechtgemachten Highlights. Sie sammelt Unterschriften von allen, die zurück nach Arequipa wollen. Die andere Hälfte der Reisenden, so auch ich, will weiter.

Der Rückweg ist zu. Barrikaden in einigen Ortschaften hinter uns. Angeblich. Vorwärts nach Lima sind es noch acht Stunden. Was dort los ist, wissen wir auch nicht. Nasca soll auch dicht sein. Vielleicht aber auch nicht. Jeder sagt etwas anderes.

Die ersten Frauen rufen unter Tränen die Polizei. Kinder seien im Bus, Schwangere. Wir fahren zur Sicherheit in ein nahegelegenes Restaurant in den Bergen. Laut einem Peruaner ein bekannter Umschlagplatz für Gold, dass die Arbeiter schwarz aus den Minen holen. Rund 20 Reisebusse und dutzende Lastwagen warten schon dort. 1000 Menschen wollen Essen, trinken. Die Kapazitäten im Restaurant sind schnell überreizt und es gibt ab acht einfach nichts mehr.

Am nächsten Morgen kehren viele Busse um – zurück nach Arequipa. Zu unbeständig sei die Situation und die Passagiere drängen. Einige hoffen auf eine schnelle Lösung und bleiben. Angeblich sollen Regierungsgesandte kommen, die im besetzten Chala schnell Ordnung schaffen. So lange wollen wir nicht warten. Wir wollen weiter.

Einige Bewohner wittern gutes Geld und transportieren Touristen, die nach Lima wollen, an eine sichere Stelle im Ort, gleich neben dem Friedhof. Ein Schweizer Entwicklungshelfer aus Bolivien und ich nutzen die Chance und fahren einfach in den Ort. Wir laufen durch die Straße wo sich gestern noch wütende Arbeiter zusammengerottet haben und Schüsse gefallen sind. Vorbei an ausgelaugten Protestanten, die auf zerfetzten Decken unter Lastwagen Schutz vor der Hitze suchen. Ihre blauen Helme tief ins Gesicht gezogen. Ihre Augen spiegeln die Erschöpfung der letzten 36 Stunden wieder. Der Geruch von verbrannten Gummi liegt in der Luft.

Vor einem Lebensmittelladen sammelt sich ein Pulk derer, die noch nicht aufgegeben haben. Einer ruft man werde weitermachen “Morgen ziehen wir nach Lima!” Von der Regierung ist noch niemand gekommen. Zu unwichtig ist der kleine Ort an dem nichts mehr geht und was mit den 200 Menschen in den Bergen passiert, die immer noch darauf warten, weiter zu kommen, interessieren nicht. Der Staat lässt sich nicht so leicht erpressen.

Wir hatten Glück und haben auf der anderen Seite von Charla einen Bus gefunden, der nach Lima umgekehrt ist. Mit 44 Stunden Verspätung kommen wir in Lima an. Entgegen aller Bahauptungen war unser Weg frei.

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Kategorie(n) → Ferienblog, Kranker Scheiß

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