Zagreb nass-morbid

Zagreb:  km 990

Ich hätte dem roten Fahrrad ohne Sattel mehr Aufmerksamkeit schenken sollen. Es sollte der einzige bunte Fleck bleiben, den ich in den ersten paar Tagen meiner Reise sehen sollte. Der fahruntaugliche Drahtesel steht in der Tkalčićeva in Zagreb – im Sommer eine buntes, lebhaftes Gässchen mit gemütlichen Cafés und zu vielen japanischen Touristen.

Nicht so Anfang April an Ostern im katholischen Kroatien bei sechs Grad und Dauerregen.

Kein. Mensch. auf. der. Straße. Alles. zu.

Wie gut, dass ich Gesellschaft hatte. Und zwar bibelfeste. So wurde aus meinem Wochenende in Zagreb das erste Osterfest, das ich seit 1999 tatsächlich gefeiert habe – so mit Gottesdienst und traditionellem Osteressen. Das erste Mal in meinem Leben war ich so richtig schön katholisch.

Kann ja Kirchenzinober nicht wirklich etwas abgewinnen. Singsang, Weihrauch, geschmacklose Oblaten … Frag mich, wann endlich mal jemand auf die Idee kommt, die durch Pringles auszutauschen. Mit dem Wein im Becher klappt’s ja auch so unter der Hand. Nein, das ist mir alles zu düster. Gerade der Katholizismus. Alles so humorlos und morbid-depressiv. Hat für mich etwas vom Wiener Hauptfriedhof an einem nass-kalten Novembertag, nachmittags um 17:32 Uhr. Zumindest der römische Katholizismus.

Der Orthodoxe dagegen ist fancy as fuck! War nämlich gleich auch noch in einem Orthodoxen Gottesdienst. Wenn schon, dann gescheit. Was seh ich? Einen Hybriden aus Nikolaus, Gandalf und dem Papst mit goldenem Geschmeide auf dem Haupt und blütenweißem, mit Goldfäden durchdrungenem Gewand. Mit einem Hirtenstab hat er wahllos auf Menschen gedeutet. Die knieten sich sofort hin und standen wieder auf. Das ging ein paar Mal so und hatte mehr etwas von einer Stunde mit Turnvater Jahn als von Gottesdienst. Ich hätte gerne Fotos davon gemacht, aber trotz meiner kritischen Einstellung gegenüber der Kirche hat es mir mein letztes bisschen Anstand verboten, in Gotteshäusern Touribilder zu knipsen. Deshalb ein paar vom nass-morbiden Zagreb, inklusive Einschusslöchern noch aus nicht so lang vergangenen Kriegszeiten.

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Zagreb, der Auftakt einer beispiellosen Kirchenbesichtigungstour durch Osteuropa. Keine Sorge, ich erwähne das in meinen zukünftigen Berichten nicht weiter. 😉

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