Ich höre Stimmen…

Wieder in Deutschland und klar muss man sich nach einer gewissen Zeit im Ausland irgendwie wieder auf Gewohntes umstellen: Öffentlicher Nahverkehr fährt pünktlich, alles ist teurer, es gibt rund um die Uhr fast überall Döner, Bier schmeckt.

Nur habe ich noch mit einer Sache zu kämpfen, von der ich eigentlich dachte, dass sie mit einer Selbstverständlichkeit zu meistern ist. Ich habe nicht mal in Erwägung gezogen, dass das ein Problem werden könnte: Jeder spricht Deutsch!

Und das ist anstrengend wenn man sich nach vielen Monaten in spanischsprechenden Ländern wieder in einer deutschen Fußgängerzone bewegt oder wahnsinnigerweise zum public viewen geht. Plötzlich kann ich Gespräche, die mich gar nichts angehen, nicht mehr ausblenden. Überall plappert und schwatzt es. An Bushaltestellen, in Geschäften, auf dem Damenklo. „Haste gehört…“ „Noch zwa Milschweck…“ „Die sind doch schon lang nicht mehr…“ Gespräche, die die ich aber mit anhören muss, einfach weil ich einwandfrei verstehe, was gesprochen wird.

Totale Reizüberflutung. Nach zwei Stunden im recht überschaubaren Darmstadt war Sense. Zu viele Beta-Information, die die Gehirnwindungen verstopft. Merke: Langsam vortasten und peu à peu die Anzahl der Gesprächspartner und Menschen um einen herum erhöhen, bevor man sich in „Großstädte“ wagt.

impacencia

Ich bin seit gestern nach drei Monaten Rumreisen wieder in Buenos Aires. Ich hab den Tag über Dinge für die lange Rückreise organisiert, rumtelefoniert, die Handwerker hier in der Wohnung mit Erfrischungsgetränken versorgt, mit der Verwandschaft gequatscht und erzählt, was alles so passiert ist. Ich bin seit gestern Abend nur am plappern. Auf Spanisch. Ich kann das jetzt. Sechs Monate im Land und es sprudelt.

Und gerade jetzt, jetzt wo ich endlich mit meinem Onkel und den Tanten vernünftige Unterhaltungen führen kann, jetzt fahr ich wieder nach Hause. Eigentlich ne Schande.

Aber ich vermiss Deutschland. So fad und langweilig es auch gerade sein mag. (Von Kachelmann mal abgesehn.) Ich vermiss die kleinen Dinge, wie morgens Zeitung lesen und verstehen was im Land passiert. Ich vermiss Unterhaltungen bei nem kühlen Bier mit Menschen, die ich wirklich kenne – meinen Freunden. Ich kann daheim Witze reißen, ohne vorher um Geduld zu bitten bis ich den Satz richtig zusammenkrieg, damit es auch halbwegs lustig ist.

Nicht falsch verstehen: Das ist kein Heimweh. Ich würd sofort hierbleiben, wenn mir die Welt hier so nahe wär wie meine Welt in Deutschland. Aber das dauert Jahre. Und so lange warten will ich nicht. Dafür bin ich zu ungeduldig.

Du Arsch mit Ohren

Vergangene Woche haben wir uns in der Redaktion darüber Gedanken gemacht, dass es schon recht viele Worte und Ausdrücke gibt, die aus dem täglichen Sprachgebrauch verschwinden. So etwas wie „Mumpitz“, „Schwulität“ oder „mopsfidel“. Sagt man einfach nicht mehr.

Zu diesem Thema wusste ich einiges. Seit ein paar Jahren führe ich nämlich ein kleines, rotes Buch, in das all die wundersamen, spachlichen Kuriositäten wandern, die mir so täglich begegnen. Darin stehen schöne Ausdrücke wie „grober Unfug“, „altersmilde“, „lachse Umgansform“ oder „possierliche Tierchen“ (habe ich letztens erst im Theater gehört. Toll.). Die meisten dieser Ausdrücke habe ich aus feullietonistischen Texten überregionaler Zeitungen, die von Journalisten geschrieben werden, zu deren Tagwerk es gehört, seltsame Worte aus den Untiefen des deutschen Sprachgebrauchs wieder hevorzuzerren und sie entsprechend zu verwursten. „Hochjazzen“… auch schön, nie vorher gehört und wird auch nie mehr jemand verwenden. Schade.

Heute saß ich wartend in der Sonne und habe „Chrismon“, das Kirchenheftchen aus der ZEIT gelesen. Normalerweise wandert das immer als erstes ungelesen in den Müll. Aber heute war nichts anderes greifbar und irgendwie fand ich es auch interessant, zu erfahren, über was dieser anderer Menschenschlag so nachdenkt. Ging um das Paradies – warum wir danach streben und wie man irgendwie hinkommt.

Der Mann, der in dem Haus gegenüber meines Sonnenplätzchens wohnte, versuchte gerade, sich sein Paradies möglichst angenehm zu machen und reinigigte seinen – für meinen Geschmack – etwas zu pompösen Gartenteich. Seine Frau half ihm und strecke Schläuche durch verschiedene Öffnungen. Scheinbar machte sie das nicht richtig und er nannte sie „Arsch mit Ohren“. Gleich zwei Mal. Auch so ein Ausdruck, den man heute gar nicht mehr hört. Schade.

Rumgepimmel

Nein, wird garnicht so niveaulos wir der Titel vermuten lässt. Es geht eigentlich eher um die Schönheit und um die Klangfarbe seltsam-interessanter Wörter. 

Ich hab mir im vergangenen halben Jahr zur Angewohnheit gemacht, mir Wörter in ein kleines, rotes Buch zu notieren, die ich irgendwie gut finde. Einfach Wörter, über die ich in Artikeln stolpere oder die ich beiläufig im Gespräch höre. Die schreib ich mir auf. Man kann ja nie wissen, für was man sie noch mal gebrauchen kann. Irgendwann. Wenn man mal einen Job hat. Oder einfach auf ner Party mit lustigen Gesprächen darüber hinwegtäuschen will, dass man NICHTS erreicht hat. Ja ähm, egal. 

Also zurück zu den interessanten Ausdrücken. Zugegeben, so unglaublich viel steht  noch nicht in dem Buch. Eine Seite ist vollgeschrieben. „Grober Unfug“ steht da zum Beispiel. Lieblingsausdruck des Ex-najaalsofürsheiratenhatsirgendwieniegereichtaberliebwarerja-Freundes. Oder „Nota bene“ – wohlgemerkt. Das hat  mal in irgendeinem SZ-Artikel gestanden. Und plötzlich saß ich wieder im Lateinunterricht und dachte leise „hä?!“. Hach ja… damals. „Firlefanz“ ist auch ganz toll. „Hochjazzen“… HOCHJAZZEN! Keine Ahnung was vor fünf Wochen bei Deutschlands Journalisten im Kopf los war, aber ich hab das Wort innerhalb von sieben Tagen einmal im Spiegel, in der SZ und in der Zeit gelesen. Find das Wort eigentlich doof, aber habs mal notiert. Man weiß ja nie.

In den letzten Tagen begegnen mir zunehmend seltsamere Worte. Ein Kumpel verwendet „rumpimmeln“ fast täglich. Ich kannte den Ausdruck vorher nicht, heißt aber so viel wie: „Oh mein Gott, wie können mir Menschen nur so wahnsinnig auf den Sack gehn und es nicht mal merken!!!“ War ja erst skeptisch, aber irgendwie mag ichs. Gibt so ein paar Worte, bei denen ich erst ein bisschen brauche, bis ich mich mit ihnen angefreundet habe. „Prall“ zum Beispiel. SOFORT eine Penis-Assoziation. Oder „Ficken“. Gott wie ich das Wort gehasst habe! Bin eher so der „Vögel“-Mensch. Ficken. Pf. Klingt so… abwertend. Allein von der Lautmalerei her. Keine Melodie. Aber je öfter man so dran denkt wird das Wort an sich immer attraktiver. Ficken… mhh…

Ach jetzt wurde das doch genau so niveaulos wie im Titel angekündigt. Naja egal.

bullshitesk

Wird mal Zeit für eine Silkritik an der Journaille.Ich beobachte nämlich seit längerem ein Sprach-Phänomen bei den Kollegen, die mit ihrem Geschreibe noch mehr verdienen als ich, das mir nicht behagt.Begonnen hat es im ersten Semester im November 2005. Mein Professor hat damals 1,5 Stunden vor sich hin referiert während ich völlig sinnentleert aus dem Fenster schaute. Das Thema ist mir mittlerweile entfallen. Irgendwann hat er aber das Wort „kafkaesk“ benutzt. Mehrmals. An dem Wort selbst ist nichts Schlimmes. Macht ja irgendwo noch Sinn, wenn man Journalist ist, synonymsüchtig und etwas blumig das Unheimliche und Bedrohliche umschreiben will. Was ich nicht leiden kann, ist dass das Suffix „-esk“, das mittlerweile zu den unglaublichsten Worten gestellt wird, um dem Satz einen Touch Intellektualität zu verleihen.In der Wochenend-Beilage der SZ hat sich eine Lifestyle-Redakteurin über Parfums von Prominenten ereifert und so ziemlich jedes durch den Dreck gezogen. Auch das von Iris Berben. Also mir ist wirklich egal, wie das Au de Toilette von Iris Berben riecht. Der Autorin nicht und sie fand es scheinbar so schlimm, dass sie das Wort „omaesk“ benutzt hat. Da das in keinem Duden steht, muss ich mein letztes bisschen Deutsch-LK-Journalisten-Muttersprachler-Verstand zusammenkratzen und kombinieren, dass das Parfum wohl staubig, nicht sehr zeitgemäß und nach Mottenkugeln riecht. Was ist denn bitte vekehrt daran, einfach zu schreiben, dass es riecht wie der Staub aus den 50ern? Dass es stinkt wie der Unterrock von Tante Käthe, oder einfach altmodisch müffelt?Aaaaach, mich nervts einfach. Pittoresk, clownesk.. bla. Man, wer glaubt ihr denn wer ihr seid. Feuilletonisten-Gesindel! Ich werd mal nicht so!