Geschichten von Mitmenschen

Ich hasse es, wenn man mir vom tollen Leben anderer Menschen erzählt, mit denen ich vor Jahren mal was zutun hatte – von ehemaligen Klassenkameraden zum Beispiel.

„XY lebt jetzt in Irgendwowoesbesseristalshier. XY ist immer noch mit ihrem Freund zusammen. Sind jetzt schon vier Jahre! XY studiert Publizistik und Kulturanthropologie UND hat ein Stipendium. XY macht jetzt richtig viel Sport.“

Kann man mir nicht Sachen erzählen, die mich ein kleines bisschen besser dastehen lassen? Sowas wie „XY wohnt zu Hause und arbeiten seit drei Jahren beim Metzger. Ihr Freund hat Schluss gemacht und seit dem versucht sie den ekelhaften Metzgermeister loszuwerden, der auf sie abfährt. XY ist richtig fett geworden, weil sie in jeder Mittagspause ein halbes Schwein isst. XY hat auch Pickel.“

Aber nein… immer weiter so. Werdet ja schon sehn, was ihr davon habt!!

Mittwochabend.

Die Woche bisher? Arbeiten/schlafen/so tun als würde man mit Genuss essen/arbeiten/Fotos machen/schlafen/fluchen. Ich hab öfter geflucht, als hier dargestellt. Aber egal.

So und jetzt? Auf ZDF läuft eine „romantische Komödie“ mit John Cusack in der Hauptrolle und im Vorspann zählen Singles die Orte auf, an denen sie bevorzugt andere Menschen/Männer/Frauen kennen lernen.

„Ich geh am liebsten in den Supermakt, um Männer zu finden. Das ist einfach. Die mit einer Einkaufsliste sind verheiratet. Die die mit einem kleinen Korb in der Tiefkühlabteilung stehen, sind Single. Ich schau aber lieber in der Gemüseabteilung. Ich will einen Mann, der sich gesund ernährt“

… aaah ja.

Es geht also um das allgegenwärtige, beschissene und nervtötende Singlethema. Ist auch nicht schwer zu erraten bei dem Filmtitel „Frau mit Hund sucht Mann mit Herz“.

So, und wer schaut sich das an und verdrückt dabei eine Packung Sesam-Stangen, die seit 1. Juni abgelaufen sind? Exakt. Und das is sogar noch gut! Normalerweise is in dieser Wohnung (die nicht meine ist) alles seit mindestens sechs Monaten abgelaufen.

Warum spielt John Cusack eigentlich immer die gleichen Typen? Immer gerade verlassene Halbloser, die deprimiert sind und sich nachmittags Doktor Schiwago anschauen, weil sie von dieser völlig illusorischen Liebesgschichte träumen. Dabei trinken sie Bier und dröseln ihre geschrottetete Beziehung mit einem guten Freund rational auf. Der rät ihm gefälligst die halbe weibliche Weltbevölkerung zu vögeln, einfach weil er jetzt Gelegenheit hat und er sagt immer nur „Ich will die eine treffen, Frank/Pete/John/Tom/… die eine!“

Alkohol wäre jetzt gut. Aber dank der Biodrogen, auf denen ich seit einer Woche bin, darf ich keinen Tropfen zu mir nehmen. Milchprodukte auch nicht. Was schlecht ist, da überall irgendwie Milch drin ist.

So, wo war noch gleich mein Leben? Ach ja genau… nicht hier.

Torschlusspanik-Party

Ü-30 Parties sind traurig. Also für die Betroffenen. Alle, die deutlich unter 30 sind, empfinden entweder Mitleid, Abscheu oder amüsieren sich prächtig. Ich schwanke zwischen eins und drei. (Zunächst muss man hier erklären, wie ich mit Anfang/Mitte 20 auf eine Ü-30-Party komme. Strengenommen war es keine Party, sondern schlicht eine Bar, in denen sich Menschen, die Queen noch live erleben durften, tummelten. Ich möchte jetzt keinem dort fälschlicherweise einen guten Musikgeschmack unterstellen… fiel mir nur so ein. Wie dem auch sei)Bars mit Menschen über 30 gleichen einem gigantischen Uterus. Fein aufgereiht sitzen eine Hand voll pulsierende Ovarien (Frauen) fest verankert und lassen sich bewundern, während um sie herum hunderte Spermien (Männer) nervös tänzeln. Sie schubsen sich, jeder will der erste sein und alle sind unendlich aufgeregt, weil sie noch nicht so wirklich ans Ziel gelangen. Denn wenn man mal ehrlich ist: Wieso gehen Singles über 30 abends weg? Eben: Um möglichst bald unter die Haube zu kommen und Kinder zu zeugen. Die Sturm- und Drangzeit ist vorbei, der größte Teil des Freundeskreises hat sich familiär zu Ruhe gesetzt, ein Nest gebaut und sie sind der traurige Rest. Die Hängengebliebenen, die mit Ende 20 nicht den Absprung geschafft haben und sich immernoch durch die tückische Singlewelt kämpfen müssen. Nur dass das auf einmal viel schwerer ist als damals, als man auf Studentenparties noch jede Woche eine andere mit nach Hause genommen hat.Man kann die Gäste grob in drei Gruppen unterteilen:Typ A ist Sabine. Sabine ist tagsüber Bürokauffrau oder Zahnarzthelferin und schaut sich gerne nach Feierabend Verbotene Liebe an. Wenn sie mal abends ausgeht, dann mit ihren zwei besten Freundinnen, von denen sie die Mauela schon n bissl lieber mag als die Michaela. Die blonden, dauergewellten Haare hat sie mit Haarspray festbetoniert und als neckischen Akzent eine kleine Glitzerspange festgeklippt. Die S.Oliver-Jeans wird brav in die Stiefel gesteckt und so nippt sie an ihrem Vodka-Lemon und konzentrieren sich darauf, dass das etwas zu enge Top nicht verrutscht, während sie sich mit Dirk unterhält. Dabei vergisst sie nicht, mit dem linken Zeigefinger ständig eine Haarsträhne auf- und wieder abzurollen. Denn sie hat natürlich Sami Molcho auswendig gelernt und kennt sich aus mit Körpersprache und weiß wie man die Männer verrückt macht.Typ B ist Marcus. Marcus ist Systeminformatiker und kocht privat ganz gerne. Wenn er mal abends weggeht, dann am liebsten in seinem schwarzen Glanzhemd vom NewYorker, das mit dem Tribal quer über die Schulter. Seine Kumpels, mit denen er normalerweise online zockt, wohnen zu weit weg und er kennt sie auch nicht richtig. Also geht er lieber alleine und tanzt. Einfach so lässt er seine etwas zu dünnen Beine in den etwas zu kurzen Hosen, deren Bund etwas zu hoch in der Taille sitzt zu Gloria Estefan und Dr. Alban zucken. Wenn die Musik stoppt ist er derjenige, der sich trotzdem bewegt. Balztanz mit ungewisser Zielsetzung.Typ C ist Thorsten. Thorsten hat gerade so ein Geschäft mit einem Kumpel laufen. Wird was ganz großes, weswegen er statusbedingt auf der Party mit Hemd und Anzughose erscheint. Die Haare sind streng nach hinten gegeelt und die Schuhe poliert. Ein Finger steckt im Haken des Sackos, das er so lässig über der Schulter trägt. Natürlich kennt der den Barkeeper persönlich, begrüßt ihn mit Handschlag und bestellt für die „Ladies“ am Tresen einen Prosecco. Gleich mal Eindruck schinden. Er palavert mit großen Gesten, zupft sich alle paar Minuten einen nichtvorhandenen Fussel vom Hemd und lehnt sich interessiert nach vorne, wenn eine der „Ladies“ von ihrem Nagelstudio erzählt.Keiner der drei hat Erfolg an diesem Abend. Ok, vielleicht Markus. Der ist zumindest ohne Erwartungen bei der Torschlusspanik-Party erschienen.Sollte ich wirklich eine steile Karriere hinlegen, bei der jegliches Privatleben tief begraben liegt, werde ich als Ü-30 NIEMALS solche Etablissements aufsuchen. Eher sterb ich einsam aber in Würde.

Herbstdussel

Hach jaaa, adrettestes Herbstwetterchen. Wind, strahlender Sonnenschein, das Laub fällt. Menschen kommen mir auf Einrädern (?!) auf dem Weg zur Arbeit entgegen. Schal und Mützenzeit. Tee am Abend, heiße Schokolade in Straßencafés. Warme Schuhe einkaufen. Warme Gedanken machen. Herrlich. Dazu Passendes spuckte der Ticker heute aus:

„In einer Umfrage unter 570 Singles fand die Online-Partnervermittlung ElitePartner.de heraus, dass 57 Prozent der Alleinstehenden in der dunklen Jahreszeit verstärkt Sehnsucht nach einer Beziehung verspüren. Single-Coach* Lisa Fischbach erklärt die Herbstgefühle (…) Die Abende werden länger, das Wetter lädt nicht mehr zum Flanieren und Aktivitäten unter freiem Himmel ein – und viele Singles spüren das Alleinsein mehr als im Sommer. „In dieser Situation wird vielen Alleinstehenden bewusst, dass ihnen etwas fehlt, nämlich ein Partner für gemütliche Abende zuhause“, so Diplom-Psychologin Lisa Fischbach von ElitePartner.de“

Was stellen wir also fest? (Abgesehen davon, dass es sich um eine Pressemitteilung von ElitePartner.de handelt, also de facto Werbung in reinster Form ist. Also noch mal: ELITEPARTNER.DE!!! – und nein, ich verlink es nicht, da mir die Kombination der Worte Elite und Partner zu wider ist. Muss dann gleich an Lacoste-Pullover, die um die Schulter gehängt werden, denken. Und an Golfturniere, an denen weißhaarige Ehepartner teilnehmen, die mit ihrem flaschengrünen Bentley vorfahren. Urgs. Aber das nur nebenbei.)

Ja genau wir stellen fest, dass das nix Neues ist. Zugegeben habe ich momentan wahrlich zu sehr wenigen Singles Kontakt, da Freunde und Bekannte in letzter Zeit vermehrt dazu tendieren, sich paarweise zusammenzurotten, aber ich kann aus meinem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen und sagen, dass das jeden verdammten Herbst und Winter so ist. Ich weiß das und alle Singles dieser Erde wissen das auch. Dazu brauch ich kein Webflirtportal.

Nur sollte man solchen Flausen auf keinen Fall nachgeben. Was nämlich dann dabei rauskommt ist meist unschön und taugt allenfalls als urkomische Anekdote für jede bierselige Runde in den kommenden drei Jahrzehnten. (Menschen, die mich und die passende Geschichte dazu kennen, werden jetzt schallend lachen und sich Dinge denken wie „Joa mei. Der Depp!“)

Deshalb: Niemals im Herbstdussel dem Glauben erliegen man müsse sich fest binden, nur weil es gerade kalt ist. Dann lieber warme Klamotten kaufen, was ich in geschätzten zweieinhalb Stunden zu tun gedenke.

*Und wer jemals in meiner Gegenwart das Wort „Single-Coach“ verwendet, wird unverzüglich angespuckt.