Wenn Menschen nur noch Kreaturen sind.

Auschwitz. Birkenau.

Kraków flüstert

Mit Städten ist es wie mit Menschen. Oft dauert es nur Sekunden, nur einen Augenblick und du weißt: Da ist etwas. Daraus kann was werden. Oh, und Kraków weiß ganz genau, wie es dich rumkriegt. Eine leise Romanze.

Orgastische Zustände

Ich habe heute tatsächlich für den Bruchteil einer Sekunde darüber nachgedacht, heute Abend zu Hause zu bleiben, Medienrecht zu lernen und das Spiel mit einer Flasche Bier alleine von der Couch aus zu verfolgen. Zum Glück ist mein Verstand rechtzeitig zurückgekehrt. Denn wie heißt es so schön: Klausuren kann man wiederholen, das erste wichtige Vorrundenspiel der EM nicht… oder so.

Und was soll ich sagen? Alles noch das Gleiche wie vor zwei Jahren. Wir haben schon wieder wohlverdient gegen Polen gewonnen. Das Carree in Darmstadt ist vollgestopft mit Menschen, die schreien, jubeln und sich umarmen. Der Cityring is ein einziger Autokorso und ausnahmslos jeder schwenkt eine Deutschlandflagge.

Naja, alles das Gleiche? Fast. Irgendwann in den vergangenen zwei Jahren wurde „Seven Nation Army“ zum musikalischen Standardrepertoire hinzugefügt und ich habs scheinbar nicht mitbekommen. Da steht man zwischen Hunderten, die synchron die Anfangsmelodie anstimmen und man fragt sich: Warum nur? Is ja fein, dass sich etwas weiterentwickelt, aber man muss ja jetzt nicht alles zum Sauflied umfunktionieren. 

Was auch anders ist: Das Publikum ist jünger. Zumindest das, das mich die ganze Zeit eingekesselt hat. Alle höchstens 16 und viel zu laut und viel zu nervig. Erstaunlich wie niveaulos und prollig ich werden kann, wenn mir Leute unglaublich auf den Sack gehn. Was ich genau gesagt habe, ist mir entfallen, aber nett wars nicht. Aber verdient.

Und sonst? Das Spiel hätte so nochmal eine Halbzeit weitergehen können, so viel Spaß hat das gemacht. Wuhu! Geiler Scheiß! Geht doch nichts über einen gepflegten 90 Minuten Adrenalinstoß. 

 

Wörthersee-Romantik

Heute spielt  Deutschland gegen Polen im Wörthersee-Stadion in Klagenfurt. Wörthersee! Bei dem Wort kommen mir sofort kitschige 50er-Jahre-Filme in den Sinn. „Ein Schloss am Wörthersee“, „Das Gasthaus am Wörthersee“, „Das weiße Rössl am Wörthersee“ und so weiter.

Wirtschaftswunder! Alles wird gut. Lasst uns den Schrecken vergessen und stattdessen an tiefblauen Seen und vor imposanten Berglandschaften singen, tanzen und nachts verstohlen vor dem Heuschober treffen und uns „lieb haben“!

Woerthersee-RomantikIch sehe Peter Alexander (schlechtes Double links) als Kellner seine Schlager trällern. Er bezirzt mit seiner dunkelbraunen Haartolle das Fräulein Mayrhuber, die Besitzerin des Restaurants, die darum kämpft, dass es nicht schließen muss. Die Gäste bleiben  aus und die Rock’n’Roll-Jugend rund um Peter Kraus lungert lieber in den Tanzlokalen rum und tanzt den Twist, statt auf Sommerfrische zu gehen. Das Fräullein schaut sehr bedrückt drein und schlägt oft die Hände vors Gesicht und weiß in ihrem geblümten Dirndl „fei so garnet wies weitergehn soll“. 

Auf der Eckbank sitzt Hans Moser, zu seinen Füßen der Hund Wastl, und schwadroniert mit gepresster Stimme darüber wies früher war – nämlich alles besser. Peter Alexander hilft wo er kann und weiß auf alles einen Rat: „Ge schauns Fräulein Mayrhuber, ihr Kaiserschmarrn is doch a wahres Gedicht. Machens den doch a bisserl bekannter und dann werdns schaun wie die Leut kommen!“ 
Schließlich stellt sich heraus, dass er nicht nur einfacher Kellner, sondern erfolgreicher Hotelbesitzer in Wien ist und dem Fräulein, das er „so gern hat“, aus dem Schlamassel helfen will. 

Zum Schluss heiraten alle. Der Peter das Fräulein, der Hans den Wastl und so ziemlich jeder, der sich auf dem Heuschober eines Nachts lieb gehabt hat.

Ja, so ist am Wörthersee. Da is die Welt noch in Ordnung. Schön.