Ein Babysitter für die Kiwis

Die Neuseeländer sind geradezu besessen von Schutzkleidung und Warnschildern. Dabei passiert ihnen in diesem harmlosen Land doch gar nichts. Was soll das?

Neon ist der letzte Schrei in Neuseeland: Mäntel, Hosen, Westen in leuchtendem Orange, gerne aufgepeppt mit Silberstreifen. Auch Plastikhelme in Gelb, Blau und Weiß sind hip, nicht nur bei Bauarbeitern. Helmpflicht für Radfahrer ist eine Selbstverständlichkeit. Besonders Eifrige ziehen außerdem gut sichtbare Westen an. Nachts radelt hier niemand, zu gefährlich. Einen Job zu finden, bei dem man keine Schuhe mit Stahlkappen tragen muss, ist hier so gut wie unmöglich. Da muss man schon als Redakteur arbeiten und seinen Tag ganz ungefährlich hinter einem Computerbildschirm fristen.

Der Neuseeländer hat dauernd Angst, dass ihm etwas auf den Kopf fällt, über die Füße fährt oder, dass er in ein Loch fällt. Deshalb trägt hier jeder Schutzkleidung und überall stehen Warnschilder, die zum Tragen selbiger anhalten oder über Gefahrenquellen informieren.

Hazards!!!

Warum sind die Kiwis so besessen, ihren Körper gegen alles Gefährliche abzuschirmen? Das ist doch ein sicheres Land. Keine direkten Nachbarn, die heimlich einen Feldzug planen, keine Terroranschläge. Hier gibt es nicht einmal Schlangen! Ein Land, das einen wattebauschförmigen, flugunfähigen Vogel, der auf dem Waldboden lebt, als Wappentier hat, kann nicht gefährlich sein. Und doch, irgendwas scheint den Neuseeländern Angst zu machen.

Hier in Christchurch ist das gesteigerte Schutzbedürfnis noch irgendwo gerechtfertigt. In der im wahrsten Sinne krisengeschüttelten Stadt ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass man von einem Betonklotz erschlagen wird, als in vielen anderen Gegenden der Welt. Hier wird seit dem Erdbeben vor drei Jahren gebaggert, abgerissen und plattgemacht. Riesige Dinosaurier mit Stahlgebiss fressen sich durch Parkhäuser, Presslufthämmer nagen am Asphalt. Bei solch einem Festessen, kann schon mal ein Brocken daneben gehen.

Nom nom nom

Das ist Christchurch. Warum aber trägt auch im Rest des Landes jeder seine orangefarbene Rüstung?

Mein Mitbewohner sagt, Schuld sei der „Nanny-State“. Die Kiwis tragen nämlich gar nicht freiwillig Orange. Der Staat will es so und behandelt seine Einwohner wie ein übervorsichtiges Kindermädchen. Der Staat scheint große Angst um seine Kinder zu haben. Das ist verständlich. Es gibt ja nur rund 4,5 Millionen von ihnen. Und die muss man irgendwie am Leben erhalten, und sei es, indem man sie vor der gefährlichen Welt mit Stahlkappen schützt. Aber er packt die Kiwis mit Regeln und Vorschriften so lange in Watte bis ihnen vor lauter Sauerstoffmangel ganz schummrig vor Augen wird.

„Dieses Staats-Diktat geht zu weit“, sagt der Mitbewohner. Unmündig und bevormundet fühle man sich da. Eben genau wie ein Kleinkind. Dabei, heißt es doch immer, sollen Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen. Sie sollen sich die Knie auf dem Bolzplatz aufhauen oder die Augenbrauen beim Bauen von Knallfröschen absengen. Das ist wichtig für die Entwicklung. Das gehört zum Erwachsen werden dazu. Wer nur durchs Fenster – oder, im Fall der Kiwis, durchs Plexiglas-Visier des Sicherheitshelms – zuschaut, verpasst so viel.

Der Staat macht mit seinen Vorschriften und Regeln seine Einwohner zu echten Kiwis: Er stutzt ihnen die Flügel und hindert sie so daran, eigene Erfahrungen zu machen und – ja – erwachsen zu werden.

Traut Euch Kiwis und werdet flügge! Geht bei Rot über Ampeln! Radelt ohne Helm! Nachts! Am besten zu zweit auf einem Rad! Pfeift auf Sicherheitsbrille, Helm und Handschuhe! Ich hab es ausprobiert, hier in Neuseeland. Es fühlt sich wunderbar an.

Dieser Beitrag ist auf Englisch im Neuseeländischen News-Blog www.whailoil.co.nz erschienen.

3 thoughts on “Ein Babysitter für die Kiwis

  1. Henry

    Pia, du bist ein Querulant! Wenn du einen Aufstand in Neuseeland anzettelst und die neue Gottheit wirst lassen die dich sicher nicht mehr weg…………..

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    1. Pia Post author

      Glaub soweit wird’s nicht kommen, Henry. Hab nicht das Zeug zur Gottheit 😉

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  2. Henry

    Das sehen wir anders. Gruß aus dem Odenwald bei 36°

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