Sorry Wien

Gerade kommt eine Reportage im ZDF über deutsche Fußball-Fans, die zum Finale nach Wien gefahren sind, dort campen und darauf warten, dass Deutschland Europameister wird.

Aus irgendeinem Grund hat das Team von „Blickpunkt“ die eine Gruppe Betrunkener aus Aschaffenburg begleitet (etwa die aus meinem Zugabteil?!)

Ich wollte mich anlässlich des peinlichen Verhaltens der Fans, die unglücklicherweise aus meiner südhessischen/nordbayerischen Heimat kommen, entschuldigen. Wir sind nicht alle so. Ich kenne keinen, der Spanier als Primaten bezeichnet und Männer, die Bierdosen auf ihrer Stirn zerdrücken und mit nacktem Hintern auf Kleinbussen rumspringen, sind mir (seit etwa einem Jahr) auch fremd.

„Noch gut 10 Stundenn dann ist es vorbei“, hat der Sprecher am Ende des Beitrags gesagt. Ein Glück für Wien.

Public-Listening

Ich hab gehört, Deutschland hat gewonnen.

Genau so muss sich Opa gefühlt haben – damals ’54, als Deutschland schon einmal in der Schweiz spielte. Die ganze Familie hat sich vor dem Volksempfänger geschart und andächtig der Partie gelauscht. Das Radio war noch echte deutsche Wertarbeit und hat auch noch neun Jahre nach Kriegsende treue Dienste geleistet. Rauscht zwar a bissl, aber das macht das winzige Badezimmerradio (Baujahr 2005) auch.

Annähernd das gleiche Gefühl kam heute Abend auf. Halb Europa ist synchron vom Sofa gesprungen und hat im Chor „Alter, was solln das???“ geschrien, weil irgend ein boshafter Mensch in Wien Mist gebaut hat (man könnte jetzt Vermutungen anstellen). Alle sind zu den Radios gestürmt und haben nervös an den Knöpfen gedreht. Der Bildausfall war wirklich nicht so dramatisch. Wozu gibt es wie gesagt Radio. Die Kommentatoren sind da eh viel besser – erklären alles schön en datail.

Was wirklich angepisst hat, war der Stromausfall in Minute 79. Von der einen Sekunde auf die andere war der 100-Millionen-Zoll Plasma-Bildschirm schwarz und mit ihm der ganze Nord-Osten Darmstadts. Dafür kann Wien nichts. Und jetzt?

Hey Internetradio!! …Jaaa, man studiert nicht ohne Grund. Irgendwann denkt dann einer daran, dass man für Internetradio einen WLAN-Router braucht und der hängt am Stromnetz…
Hey Handyradio! Guuuute Idee, können aber auch nur immer zwei Leute hören, die den andern dann erzählen, was gerade passiert: „Wuuaaaahh geil 3:1!! Ah ne, scheiße… 2:2…“

Es wird akrobatisch. Zu zweit an dem Handy-Kopfhörer hängen, sich die Schuhe anziehen während man die Treppe runter zum Auto geht, ohne dass die Stöpsel aus den Ohren fallen und man nicht über seine Schnürsenkel fällt, ist eine echte Herausforderung.

Ganz Kranichstein steht auf der Straße und de Autoradios erfüllen ihren Zweck.
In der letzten Minute ist alles gut: Wir haben Ton und Deutschland stolpert ins Finale.

Wien ist tot

Deutsche Journalisten und Autoren neigen dazu, sich vermeindlicher Klischees zu bedienen und in Vorurteilen zu baden, wenn sie etwas über Wien schreiben. Morbid und melancholisch seien die Menschen, der Tod umwabere die ganze Stadt und so wirklich gute Laune habe da auch niemand. Das kann man jetzt glauben oder nicht. Besser ist es, selbst in die österreichische Hauptstadt zu fahren und sich das mal anzuschauen.

Kurz: Ich sehe alle meinen angelesenen Vorurteile bestätigt. Überall in Wien begegnet man symbolisierer Traurigkeit. Auf zynische Art und Weise weist jede Ecke irgendwie darauf hin, dass alles ja so vergänglich ist und man solle ich bloß keine Hoffnung auf Besserung machen.Das fängt schon in der U-Bahn an. Läuft man durch die Gänge (einer Haltestelle, von der ich den Namen vergessen habe) vorbei an Junkies, die sich gegenseitig lautstark als Arschloch bezeichnen, kommt man auch an einer Art Spiegelkabinett der miesen Laune vorbei. Auf jedem dieser Spiegel lässt sich ein digitaler Countdown ablesen zu allen erdenklichen Misepeter-Themen: „Zeitraum bis zur Wiederbewohnbarkeit Tschernobyls: 140597“ und „Kinder die täglich an Aids sterben: 1576 (genaue Zahl ist mir entfallen)“ stehen gleich neben „Verzehrte Schnitzel in Wien seit 1. Jänner: 3849613“ (Zahl steigt sekündlich) und „Verliebte in Wien heute: 296419“ (Zahl fällt sekündlich). Das ist so traurig.

Und es wird noch schlimmer. In der U-Bahn selbst hängen Stadtzeitschriften mit Ausgehtipps. Die auffälligste Annonce ist die einer Ausstellung, in der es um den Tod geht, illustriert mit ein paar leichenblassen Füßen mit Totenzettel am linken Zeh.Junge Menschen auf dem Sitz gegenüber fallen am späten Nachmittag einfach so in ihre Taschen und rühren sich nicht mehr. Könnte tot sein… eventuell. Würde keinen wundern. Schließlich ist man ja in Wien.Laut meinem mal mehr aber dann doch eher weniger kompetenten Reiseführer ist Wien die Wiege des Jugendstils und hat selbstverständlich ein von Hundertwasser gestaltetes Gebäude. Wie auch Darmstadt. Hier gibt es ja die wunderbare Waldspirale am Röhnring. Schön bunt, überall Gute-Laune-Pflanzen, Restaurant im Erdgeschoss.In Wien hat Hundertwasser die Müllverbrennungsanlage verschönert – mit Kringeln und goldenen Kugeln. Ich glaube man muss hier nicht extra auf die Symbolträchtigkeit hinweisen.

Aber man darf der Stadt nicht Unrecht tun. Gibt auch schöne Fleckchen. Wie die „Opera-Toilet“ in der U-Bahn. Unterhalb der Staatsoper kann man sich zu Walzer und umgeben von einer authentischen Opernball-Fototapete erleichtern. Pinkeln in 3/4-Takt. Wenn das mal keine gute Laune macht.