feilen verbindet

Es ist 18:49 Uhr. Zwei Frauen lehnen an einer der schmierigen, gefliesten Säulen in der U-Bahn-Haltestelle – die eine links, die andere rechts. Sie kennen sich nicht. Nach der Arbeitswoche sind ihre Augen matt, die strähnigen Haare fallen ihnen ins Gesicht. Ihre schweren, großen Taschen zerren an ihren Schultern – bei der einen links, bei der anderen rechts.

Während sie warten, machen sie exakt das Gleiche: Sie schauen konzentriert auf ihre Hände und feilen ihre Fingernägel. Sonst nichts.

Menschen rauschen an ihnen vorbei – Geschäftsleute, Mütter mit kleinen Kindern. Jeder hetzt, schreit und quengelt.

Nach ein paar Minuten sagt die eine zur anderen: „Wenn uns jemand bemerken würde… der hält uns doch für komplett bescheuert.“

Lachen, Nicken

Dann sagt die andere zur einen: „Ja, aber ich brauch sowas nach Feierabend. Einfach abschalten und mal nichts denken. Das entspannt. Außerdem hass ich es, wenn die Nägel einreißen.“

Für die nächsten fünf Stationen sitzen sie nebeneinander und reden über das, was beide seit Monaten beschäftigt. Sie lachen und nicken. Keiner feilt. Macht man nicht in der Bahn.

Nächster Halt Stachus. „Ich muss hier raus. Viel Glück weiterhin.“ – „Danke… Ihnen auch.“

Es ist nur eine Frage der Zeit, wann auch meine Stunde geschlagen hat. Wann auch ich, wie so viele arme Seelen vor mir, morgens in die U-Bahn steigen werde, durchgefroren vom eiskalten Hamburger Wind. Völlig verängstigt, weil schon wieder ein arbeitsreicher Tag vor mir liegt, an dem ich wieder all die schwirigen Prüfungen bestehen muss. Ich werde also müde, abgewrackt, schutzlos und trotz 1,77 m sehr zerbrechlich und klein in der U-Bahn sitzen. Es wird ein Mann auf mich zukommen. Ein Mann in Uniform. Ein großer Mann. Er wird sich zu mir herunter beugen, mir mit starrem Blick in die Augen schauen und mit ruhiger Stimme sagen: „Ihre Fahrkarte bitte.“Ich werde dann entweder beginnen, meine (mittlerweile schon gediehenen) Spanischkenntnisse auszupacken und „No se, senor!“ in der Endlosschleife sagen. Oder ich fang an zu schreien, und um mich zu schlagen und leite das dann geschickt in einen theatralischen Heulkrampf über, der in einem herzzerreißenden Schluchzen mündet. Oder ich schau auf den Boden und lass mich einfach aus der Bank fallen. Alles um diese 40 Euro nicht zahlen zu müssen.Frag mich wirklich, wann die Herren und Damen HVV endlich mal gedenken zu kontrollieren, wenn ich mit der U3 fahre. Sie würden wirklich ein gutes Geschäft machen, da ichs halt immernoch nicht einseh ein Ticket zu kaufen. Wenn ich es bis zu meinem letzten Tag am 28. Dezember schaffe ohne eine einzige Kontrolle, die sechs Monate Praktikum zu überstehen mach ich genau an diesem Tag morgens um viertel vor acht eine Flasche Sekt in der U3 auf, zwischen St. Pauli und Landungsbrücken. Gäste sind willkommen.