Blaupause

Es stimmt was Konstantin Wecker über München sagt: „Tiefblau ist der Himmel nur in München. Über der Ludwigstraße.“ Davon weiß ich nichts. Ich kann nur sagen, dass der Himmel über der Sendlinger Straße verdammt nochmal richtig arg blau ist… soweit ich das hier aus dem Bürofenster beurteilen kann.

Sonniger Spätsommer macht immer ein bisschen wehmütig. Wie kann es denn sein, dass die letzten drei Monate einfach so an mir vorbeigezogen sind? Wieder hab ich die heißen Monate irgendwie verpasst. Statt grillen am See, googeln in Raum 102. Statt Eis und Groschenroman, Nudelsuppen und heute Journal.

Und dann ist es plötzlich kurz vor Winter, die Blätter sind nicht mehr ganz so grün und trotzdem lacht einem die Sonne immernoch dreckig ins Gesicht: „Tja haste mich verpasst. Loser. Arbeite du mal schön weiter. Ich schein hier noch die nächsten drei Wochen bis du wieder zu Hause bist im Wald – bei Wind und Regen.“

Aber seltsamerweise freu ich mich darauf. Ich freu mich auf bunte Blätter, auf absolute Stille im Wald, auf eine kalte Nase, auf Schals und Stulpen. Äh ne, doch nicht. Stulpen sind so ein Pferdemädchen-Equipment. Aber auf Handschuhe freu ich mich.

Zusammengefasst: Ich werde den halben Winter (also jede freie Zeit, die ich nicht in der FH, auf der Arbeit und im Bett verbringe) draußen sein. Dafür werde ich mir von irgendwem, der selbst zu faul oder verhindert ist, den Hund ausleihen und mit ihm Gassi gehen. Oder noch besser: Ich hol mir wieder einen kleinen, flauschigen Welpen, der innerhalb von acht Monaten zu einem riesen Vieh ranwächst und mir die Haare vom Kopf frisst – wie damals vor zwölf Jahren. Dann ist zwar mein ganzes hart-verdientes Geld wieder weg, aber ich hab immerhin jemanden zum Spielen.

Herbstdussel

Hach jaaa, adrettestes Herbstwetterchen. Wind, strahlender Sonnenschein, das Laub fällt. Menschen kommen mir auf Einrädern (?!) auf dem Weg zur Arbeit entgegen. Schal und Mützenzeit. Tee am Abend, heiße Schokolade in Straßencafés. Warme Schuhe einkaufen. Warme Gedanken machen. Herrlich. Dazu Passendes spuckte der Ticker heute aus:

„In einer Umfrage unter 570 Singles fand die Online-Partnervermittlung ElitePartner.de heraus, dass 57 Prozent der Alleinstehenden in der dunklen Jahreszeit verstärkt Sehnsucht nach einer Beziehung verspüren. Single-Coach* Lisa Fischbach erklärt die Herbstgefühle (…) Die Abende werden länger, das Wetter lädt nicht mehr zum Flanieren und Aktivitäten unter freiem Himmel ein – und viele Singles spüren das Alleinsein mehr als im Sommer. „In dieser Situation wird vielen Alleinstehenden bewusst, dass ihnen etwas fehlt, nämlich ein Partner für gemütliche Abende zuhause“, so Diplom-Psychologin Lisa Fischbach von ElitePartner.de“

Was stellen wir also fest? (Abgesehen davon, dass es sich um eine Pressemitteilung von ElitePartner.de handelt, also de facto Werbung in reinster Form ist. Also noch mal: ELITEPARTNER.DE!!! – und nein, ich verlink es nicht, da mir die Kombination der Worte Elite und Partner zu wider ist. Muss dann gleich an Lacoste-Pullover, die um die Schulter gehängt werden, denken. Und an Golfturniere, an denen weißhaarige Ehepartner teilnehmen, die mit ihrem flaschengrünen Bentley vorfahren. Urgs. Aber das nur nebenbei.)

Ja genau wir stellen fest, dass das nix Neues ist. Zugegeben habe ich momentan wahrlich zu sehr wenigen Singles Kontakt, da Freunde und Bekannte in letzter Zeit vermehrt dazu tendieren, sich paarweise zusammenzurotten, aber ich kann aus meinem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen und sagen, dass das jeden verdammten Herbst und Winter so ist. Ich weiß das und alle Singles dieser Erde wissen das auch. Dazu brauch ich kein Webflirtportal.

Nur sollte man solchen Flausen auf keinen Fall nachgeben. Was nämlich dann dabei rauskommt ist meist unschön und taugt allenfalls als urkomische Anekdote für jede bierselige Runde in den kommenden drei Jahrzehnten. (Menschen, die mich und die passende Geschichte dazu kennen, werden jetzt schallend lachen und sich Dinge denken wie „Joa mei. Der Depp!“)

Deshalb: Niemals im Herbstdussel dem Glauben erliegen man müsse sich fest binden, nur weil es gerade kalt ist. Dann lieber warme Klamotten kaufen, was ich in geschätzten zweieinhalb Stunden zu tun gedenke.

*Und wer jemals in meiner Gegenwart das Wort „Single-Coach“ verwendet, wird unverzüglich angespuckt.