In Hamburg gelernt

Nach einem Wochenende in Deutschlands schönster Stadt erlangt man Erkenntnisse, die man vorher noch nicht hatte (auf die man aber zum Teil sehnlichst gewartet hat):

– Es kommt nicht darauf an was man sagt, sondern wie. So kann man  sich getrost mehre Minuten völlig grundlos mit einem Prüfungsgremium über Schweinehälften und den Naturalientausch im zweiten Weltkrieg unterhalten und bekommt den ersehnten Job trotzdem. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Glückwunsch!

– Man kann irgendwo zwischen Neuem Pferdemarkt und Kiez im „Gulasch-Club“ (nicht Club… irgendwie anders… aber Gulasch stimmt) nachts um halb eins Kunst erstehen. Meint jedenfalls ein betrunkener aber kultivierter Mensch mit lockigem Haar. Was für Kunst er gekauft hat, weiß ich nicht. Wahrscheinlich barocke Bilderrahmen, die schwarz lackiert sind und Beuys-Kunstwerke aus Fett, Pizzabelag und Schnürsenkeln – Hamburgzeug eben.

– Man braucht an einem Abend in Hamburg etwa zwölf Euro, um angenehm betrunken zu werden. Das reicht für sechs Caipi oder sechs Astra, oder vier Astra und zwei Caipi, oder vier Astra, einen Caipi und zwei Korn. Oder fünf Astra und einen Caipi. Oder acht Korn, ein Aastra und einen Caipi… etc.

– Wenn man zwanzig Cent in einen Brunnen wirft und sich was wünscht, kann es sein, dass der Wunsch etwa zwei Stunden später schon in Erfüllung geht. Man wird dann so melancholisch feucht in den Augen, wenn man mit der Hafenfähre vorbei am Elbstrand fährt. Kann aber auch am Gegenwind liegen.

– Liebe ist wie Windpocken. Man muss sie ausschwitzen. Es juckt tierisch und nervt einige Wochen (Monate) und wenn es vorbei ist, bekommt man sie nie mehr und ist immun – auch wenn der Erreger direkt vor einem sitzt und Bier trinkt. Demnach ist Liebe auch irgendwie wie Masern, Röteln oder Mumps. Nur immer ein anderer Erreger. Hatte ich aber alles nie. Kann also noch lustig werden.

Elefanten sterben einen qualvollen Tod, wenn man sie mit Butterkeksen füttert. Dieser Tatsache muss man ganz nüchtern ins Auge blicken. Is einfach so.

– Menschen sterben hingegen nicht, wenn sie sich innerhalb von sechs Stunden zwei Marmeladen-Coissants, ein Würstchen mit Senf, einen Hotdog mit allen widerlichen Zutaten, ein Matjesbrötchen mit Zwiebeln, Pommes mit Ketchup und Ingwer-Haselnuss-Eis reinstopfen und danach 1,5 Liter Apfelschorle auf ex trinken.  Aber ihnen wird völlig verdient kotzübel davon.

– Man darf zwei angetrunkene Mädels niemals nachts um halb zwei alleine vor einer Kneipe im Portugiesen-Viertel sitzen lassen (scheiß egal, wie früh der Flieger geht!). Besonders nicht wenn eine davon ein Deppenmagnet ist. Es tauchen seltsame Gestalten auf…

Jaaa, Wörter fetten macht Spaß.

Sehr geehrte Frau Heidenreich,

verstehen Sie mich nicht falsch. Ich schätze Sie. Ich kenne sie nicht, aber ich glaube, sie wissen meist von was sie sprechen, wenn sie Bücher kritisieren. Ich weiß nicht über ihre Biographie und war bisher zu faul, diese bei Wikipedia nachzulesen. Ich vermute aber, sie haben irgendwas Geisteswissenschaftliches mit Schwerpunkt Literatur studiert, was sie dazu qualifiziert, Bücher zu empfehlen, oder eben nicht.

Ich war vergangene Woche in einem „Bookstore“ – in einem großen Bücherladen am Stachus. Irgendwo in München muss deshalb wohl ein kleiner, hagerer Mann an seinem Bücherladen in einer engen Seitengasse ein Schild mit Aufschrift „Geschlossen, weil bankrott“ anbringen.

Ich stehe vor einem Regal zusammen mit 15 anderen, die wie ich versuchen, durch ihre iPod-Kopfhörer wenigstens ein wenig dem Lärm zu entfliehen und sich zu konzentrieren. Dabei stoße ich auf ein Buch: „Hectors Reise“. Das Cover sieht aus wie eines von diesen Kinderbüchern, die ehrgeizige Eltern ihren Kleinen kaufen, wenn sie in die dritte Klasse kommen, damit sie auch zu Hause bilden.

Ein Kinderbuch ist es nicht. Sie werden sich erinnern: Es geht um den Psychiater Hector, der es nicht erträgt, dass er seine Patienten nicht glücklich machen kann. Er begibt sich auf Weltreise und sucht nach dem Glück. Oder besser nach der Formel für Glück.

Auf der Rückseite von Büchern steht meist ein Kommentar, von jemandem der es wissen muss: einem Kulturjournalisten, oder Experten wie Ihnen. Das ist nett vom Verlag, dann kann man das Buch gleich ein wenig einordnen. „Wenn man dieses Buch gelesen hat – ich schwöre es Ihnen – , ist man glücklich“, schreiben Sie über „Hectors Reise“. Toll, dacht ich mir. Glücklich sein, ist gut.

Es tut mir leid, aber was sie da schreiben, stimmt einfach nicht. Hector trägt rund 20 Lektionen zusammen, die Glück definieren. Lektion 1: Vergleiche anstellen, ist ein sicheres Mittel sich das Glück zu vermiesen. 8: Glück, ist mit den Menschen zusammen zu sein, die man liebt. 10 und 13: Glück ist, wenn man eine Beschäftigung hat, die man liebt und anderen nützlich ist. 14: Glücklich ist, wenn man so geliebt wird, wie man eben ist. 15: Glück ist wenn man sich rundherum lebendig fühlt… Um nur die Highlights zu nennen.

Ich habe das Buch heute in einem Rutsch gelesen. Das war leicht, weil das Buch in einer naiven Sprache verfasst ist. Ich bin sogar geneigt den Schreibstil „irgendwie süß“ zu nennen. Ich habe also das Buch gelesen und mich danach hundsmiserabel gefühlt. Sie haben mir versichert, dass ich glücklich werde! Ich war aber nicht glücklich! Stattdessen zeigt mir der Autor mit dem Buch nur alle Unzulänglichkeiten auf. Alle Gründe dafür, warum ich unglücklich bin und dass sich daran in naher Zukunft nichts ändern wird!

Sie pauschalisieren. Sie gehen davon aus, dass jeder Mensch glücklich wird, wenn er davon liest wie schlecht es anderen geht und sich dann automatisch dieses „Hach mir gehts ja eigentlich prima“-Gefühl einstellt. Tut es nicht. Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen,
P.

Bad Luck

The man who said „I’d rather be lucky than good“ saw deeply into life. People are afraid to face how great a part of life is dependent on luck. It’s scary to think so much is out of one’s control. There are moments in a match when the ball hits the top of the net, and for a split second, it can either go forward or fall back. With a little luck, it goes forward, and you win. Or maybe it doesn’t, and you lose

– Chris Wilton im Film „Match Point“ von Woody Allen.

Glück oder Pech. Das Phänomen ist identisch, es entwickelt sich nur in entgegengesetze Richtungen. Der englische Ausdruck „bad luck“ zeigt, dass es eigentlich das Gleiche ist. Deshalb könnte man auch sagen, dass das Pech eine wesentlich größere Rolle im Leben spielt, als wir wahrhaben wollen.

Als Beispiel gestern morgen: Ich habs wirklich eilig. Weil ich nochmal in die Wohnung gehe, um meine Flasche Wasser mitzunehmen, verpass ich natürlich die Tram und warte auf die nächste. Ich bin bisher immer mit der um 09:01 Uhr gefahren. Nie später. Und werde natürlich promt kontrolliert und bei meiner chronischen Schwarzfahrerei erwischt.

40 Euro in den Wind geblasen. Ich bin mir sicher, dass ich in der verpassten Tram nicht kontrolliert worden wäre. Das ist Pech. Aber verdientes. Hat nach einem halben Jahr Schwarzfahren in Hamburg und den zwei Wochen hier auch irgendwann mal sein müssen – ausgleichende Gerechtigkeit.