Begegnungen

In den letzten fünf Monaten hier am See bin ich fast ausschließlich Menschen begegnet (von meinen Kollegen und den Nachbarn abgesehen), die „nicht von hier sind“. Sie kommen von irgendwo her und stranden hier am Ufer – sei es wegen des Jobs, der Liebe oder einfach (wie ich) wegen des unbestimmten Gefühls, hier her kommen zu müssen. Jetzt sind sie da… und langweilen sich zu Tode.

In einem Lederwarengeschäft in Friedrichshafen arbeitet zum Beispiel eine kleine, hutzelische Frau. Da steh ich einfach im Laden rum und krieg, im selben Moment als sie „Kann isch ihne was helfe?“ sagt, Heimweh. Eine Hessin! Und obwohl sie aus Offenbach kommt, hab ich mich gefreut. Schön war das. Wir haben ein bisschen geplaudert und Gründe ausgetauscht, warum wir an diesem gottverdammten See hängen geblieben. Sie: Heirat vor Jahrzehnten. Ich: Joa. Das war eine Begegnung.

Eine andere solche Begegnung hatte ich heute im Bus. Der Obdachlose hat doch gleich bemerkt, dass mein Schuhwerk für die Witterungsverhältnisse eher nix ist. Und was sei eigentlich mit meinem Finger? Eingeklemmt vor zwei Jahren, wieso? Er kenne sich aus, sei vom Fach. Handschuhe soll ich tragen. Aha. Stellt sich raus, dass der vermeintliche Obdachlose mit dem goldenen Ohrring, den ungepflegten Bartstoppeln, die aus von Besenreißern geröteten Wangen sprießen und dem alten dreckigen Polyestermantel, Wissenschaftler an der Uni Konstanz ist. „Mehr musste nicht wissen, Deern.“ Deern? Er kommt aus Hamburg! Und promt schwelge ich in Erinnerungen… Hamburg, meine Perle. „Hier am See ist es doch unerträglich fad. Wie alt biste, Mädel? Ende Zwanzig?“ Joooaaaa… naja. „Ach noch so jung. Machst deinen Weg. Aber zieh Handschuhe an!“

Beide, die alte Offenbäscherin und den gammligen Hamburger, werde ich wohl nie mehr sehn. So ist das mit Begnungen am See. Man trifft sich zufällig, verbringt Zeit, geht auseinander. Nichts bleibt aber alles hinterlässt Spuren. Eine Ansammlung von kurzen Intermezzi, unzusammenhängenden Geschichten, die irgendwann ein großes Bild ergeben und man endlich weiß, warum man an diesem gottverdammten See gelandet ist.

Dieburger Campus, dienstag, 15:06 Uhr

Ich weiß ja nicht wie das in anderen Gegenden des deutschen Sprachraums ist, aber in Südhessen sagt man in solchen Fällen: „Da is der Hund verreckt!“

Wollte damit nur mal auf das alles überschattende Gefühl von Leere und Einsamkeit aufmerksam machen, das einen besticht, wenn man durch die Gänge des toten Dieburger Medien-Campus schleicht. Man hört eine Stecknadel fallen, so leise ist es. Ab und zu begegnet man einer kleinen Gruppe Filmstudenten, die apathisch ihre Ausrüstung hinter sich herschleifen. Die langen Gänge erinnern wirklich an den Film „Cube“. Ich warte nur drauf, dass mich ein Gitter in Würfel zerkleinert, wenn ich einen neuen Raum betrete. Ein Kommilitone schlug schon vor, aus Sicherheitsgründen erstmal einen Schuh in jeden Gang zu werfen, den man betreten möchte. Rein prophylaktisch. 

(Schlechtes Bild wegen schlechter Handykamera)