Säntis rauf, Säntis runter

Oktober bis März ist hier am See die ganze Zeit etwa SO. Weil das doof ist, muss man irgendwohin, wo es nicht so ist: also nach oben. Und weil oben nicht weit weg ist, sollte man da auch möglichst in jeder freien Minute hin. So geschehen gestern.

Pfändern

Feiertage sind übrigens auch toll. An Happy Kadaver Christi irgendwas zogs uns gen Österreich auf den Bregenzer Hausberg Pfänder. Oben dann zuckersüße Salemer Erdbeeren mit Schlagsahne und eine Bomben Aussicht auf das Rheindelta am östlichen Bodensee. Und wie es immer ist, wenns schon toll ist: es wird meistens noch besser! Am Abend gings dann nach zwei sehr verdienten Schnitzeln auf das New Orleans Festival in der Bregenzer Altstadt. Special Guest: Blues Saxophonist „Mr. Clean Head“ Gary Brown aus der Südstaatenstadt am Mississippi. If u want to see some pictures gimme a yeah!

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Sommerfrischeln in Lindau

Wie schön, dass es Wochenenden gibt! Und noch schöner, wenn dann die Sonne scheint! Und am aller schönsten, dass ich wieder eine Kamera besitze! Hab zur Feier des Ganzen vergangenen Sonntag mal so getan, als sei ich Touri hier am See. Ziel: Lindau wie es altbackener nicht sein könnte. Aber auf ne gute Art! Wüsste ich, wie es 1962 war, würde ich sagen, dass es genau so war, wie Lindau heute. Wie auch immer. Erst ging es zur Picasso-Ausstellung und dann auf eine O-Saft-Schorle ins 37° an der Uferpromede. Blümchensonnenschirme ahoi.

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1558 – 10km – 1:00:52

Man muss vielleicht vorab sagen, dass ich bis vor ein paar Jahren echt ne faule Sau war. Dann bin ich durch Argentinien gereist und hab nicht mehr so drüber nachgedacht. Aber fit wurd ich erst hier am See. Also köperlich. Geistig tret ich immer noch ein wenig auf der Stelle. Manch einer nennt das dann naiv und findets süß.

Aber zurück zum Thema: Ich habe heute meinen aller ersten 10-Kilometer-Lauf bestritten. So ganz offiziell mit Startnummer 1558, Zieleinlauf und zwischendurch ganz viel keuchen und innerlich fluchen.

Interessant was für Phasen man während so einem Lauf durchmacht. Nach dem Startschuss dacht ich mir: „Joa, locker durchlaufen. Wen juckts, wann ich ankomme. Der Weg ist schließlich das Ziel!“ Nachdem dann das halbe Feld an mir vorbeiezogen ist, dachte ich nach… „Jaaaa… vielleicht doch nicht als Letzte ankommen. Weil das würde unangenehm Aufmerksamkeit auf mich lenken.“ Bei Kilometer 5 wollte ich ein bisschen sterben. Mein Zwerchfell kam mir da zuvor und war kurz vorm Bersten. Von da an beschloss ich: „Einfach nur lebend ins Ziel kommen!“ Und wenn das klappt, dann bitte auch nicht auf einer Trage der Sanitäter, die süffisant grinsend hinter jeder dritten Kurve standen.

Oben am Kloster Birnau angekommen, waren wir erst 35 Minuten unterwegs. Okay, das kann unter eine Stunde klappen! GOGOGO! Die Muskeln geben alles, ich fliege über den Asphalt. Bergab jetzt nicht so die Kunst. Die Hormone strömen nur so durch die Blutbahn. Der Adrenalinstoß wurde jäh vom Zwerchfell gestoppt. Wieder ein wenig gehen. Lalala… Dabei immer schön nach hinten schaun, ob jemand angerauscht kommt. Auf den letzten 300 Metern hab ich dann noch einen armen Tropf, der gerade den Atlantik ausschwitzt, animiert und angefeuert mit mir weiterzulaufen. Wollte echt so philantropisch sein und mit ihm gemeinsam ins Ziel laufen. Er tat mir leid. Als ich dann die Uhr im Ziel sah, wars dann vorbei mit der Selbstlosigkeit.

01:00:45 Also noch einmal gerannt wir bekloppt und Tadaa! Unter einer Stunde und einer Minute geschafft. Nicht schlecht für eine, die mal sone richtig faule Sau war. Ärge rmich trotzdem, dass es nicht unter ner Stunde geklappt hat.

Begegnungen

In den letzten fünf Monaten hier am See bin ich fast ausschließlich Menschen begegnet (von meinen Kollegen und den Nachbarn abgesehen), die „nicht von hier sind“. Sie kommen von irgendwo her und stranden hier am Ufer – sei es wegen des Jobs, der Liebe oder einfach (wie ich) wegen des unbestimmten Gefühls, hier her kommen zu müssen. Jetzt sind sie da… und langweilen sich zu Tode.

In einem Lederwarengeschäft in Friedrichshafen arbeitet zum Beispiel eine kleine, hutzelische Frau. Da steh ich einfach im Laden rum und krieg, im selben Moment als sie „Kann isch ihne was helfe?“ sagt, Heimweh. Eine Hessin! Und obwohl sie aus Offenbach kommt, hab ich mich gefreut. Schön war das. Wir haben ein bisschen geplaudert und Gründe ausgetauscht, warum wir an diesem gottverdammten See hängen geblieben. Sie: Heirat vor Jahrzehnten. Ich: Joa. Das war eine Begegnung.

Eine andere solche Begegnung hatte ich heute im Bus. Der Obdachlose hat doch gleich bemerkt, dass mein Schuhwerk für die Witterungsverhältnisse eher nix ist. Und was sei eigentlich mit meinem Finger? Eingeklemmt vor zwei Jahren, wieso? Er kenne sich aus, sei vom Fach. Handschuhe soll ich tragen. Aha. Stellt sich raus, dass der vermeintliche Obdachlose mit dem goldenen Ohrring, den ungepflegten Bartstoppeln, die aus von Besenreißern geröteten Wangen sprießen und dem alten dreckigen Polyestermantel, Wissenschaftler an der Uni Konstanz ist. „Mehr musste nicht wissen, Deern.“ Deern? Er kommt aus Hamburg! Und promt schwelge ich in Erinnerungen… Hamburg, meine Perle. „Hier am See ist es doch unerträglich fad. Wie alt biste, Mädel? Ende Zwanzig?“ Joooaaaa… naja. „Ach noch so jung. Machst deinen Weg. Aber zieh Handschuhe an!“

Beide, die alte Offenbäscherin und den gammligen Hamburger, werde ich wohl nie mehr sehn. So ist das mit Begnungen am See. Man trifft sich zufällig, verbringt Zeit, geht auseinander. Nichts bleibt aber alles hinterlässt Spuren. Eine Ansammlung von kurzen Intermezzi, unzusammenhängenden Geschichten, die irgendwann ein großes Bild ergeben und man endlich weiß, warum man an diesem gottverdammten See gelandet ist.

I see old people

Überall! Bis letzte Woche, dachte ich auch, dass in meinem Haus nur alte Menschen wohnen. Bis ich einmal nach der Arbeit nach Hause kam und beinahe in einen Schrank rannte, der mitten im Treppenhaus stand. Die beiden Jungs, die den aus dem Keller hochheivten, verschwanden auch gleich danach in einem Lieferwagen und brausten davon. Altersdurchschnitt im Haus gleich wieder ums Doppelte gestiegen.

Aber nicht nur im Mietshaus ist das so. Alte Leute sieht man überall am See. Völlig egal, ob man mit dem Fahrrad unterwegs ist, im Zug fährt oder einfach nur in den Supermarkt geht. Kaum einer unter 60. Wobei 60 ja nicht alt ist. Kannst dich also wieder beruhigen, Mama. Bin trotzdem der Ansicht, dass die Gegend hier der Grund ist, warum man in Deutschland mit Schrecken vom demographischen Wandel spricht. Das hier ist ne real life-Studie dazu!

Aber man darf dem Bodenseekreis nicht unrecht tun. Es gibt sie, die Jungen. Sie bewegen sich nur anders fort als Alte. Währned rüstige Rentner radeln, fahren die jungen Auto. Das findet man raus, wenn man vom Baumarkt in Überlingen nach Hause trampt und nur u-30er an sich vorbeiziehen sieht. Kaum ein Silberrücken mit Klorolle auf der Hutablage. Manche Autos sind sogar tiefergelegt. Also nicht, dass man da mitfahren will.

Aber schön zu wissen, dass ich jetzt lediglich die Jüngste im Haus bin und nicht im ganzen Landkreis. Operation „youth search“ geht in die dritte Woche.

Leben im Postkartenmotiv

Da wären wir also in Unter/Über/Ober/Uld/wasweißich-ingen. Schön ist’s am Bodensee. Und so ruhig.

hört ihr?

nichts.

Die erste eigene Wohnung ist bezogen und entspricht exakt meinen Vorstellung. Sogar die viel zu lange verstauten Schnappschüsse, die während der wohl besten Zeit meines bisherigen Lebens im Jahr 2007 aufgenommen wurden, hängen bereits gut sichtbar vor meiner Nase, während ich dies hier schreibe.

Ich bin angekommen. Entsprechen begrüßt hat man mich auch schon. Hier gehören nämlich Vorurteile zur Regionalkultur und werden mit herzlichem Lächeln geäußert: „Hanoi, Frauen können nicht rückwärts fahren, gell“, sprach der Nachbar von gegenüber aus bärtigem Gesicht, als ich versucht habe, einen Drei-Tonnen-Möbeltransporter, den ich nicht mal 24 Stunden unter dem Hintern hatte, aus einer vollgeparkten Einfahrt zu manövrieren. Hat wirklich nicht so gut funktioniert, aber man muss ja nicht gleich… Aber ich will mal nicht nachtragend sein. Dafür ist es hier zu gemütlich.

Heute hat mich bereits meine erste kleine Radtour am Bodensee entlanggeführt. Das Wasser ist so klar, das man die Fischlein darin freudig tanzen sehen kann. Segelboote wiegen sich sanft im Wind. Mein Weg säumen üppige Apfelwiesen. Die  Spätsommersonne wärmt die roten Bäckchen der Früchte. Oberhalb liegt eine barrocke Wallfahrtskirche und blickt erhaben zu den Ausläufern der Schweizer Alpen, die ganz in der Fene auf der anderen Seite des Sees unter schweren Gewitterwolken verbleuen. Ich begegne Menschen, Urlaubern, Sommerfrischlern – zu Fuß oder wie ich auf dem Rad. Alle haben Ferien, kramen in ihren Rucksäcken und blinzeln durch ihre Sonnebrillen in den Süddeutschen Himmel während sie genüsslich in ihr Leberwurstbrot beißen. Und über all dem dreht lautlos ein Zeppelin seine Runden.

Hach.

Bild: thomesy auf flickr

Bio an der Haustür

Es klingelt an der Tür. Normalerweise lautet die Devise in solch einer Ausnahmesituation: Tot stellen. Geduckt unter den Fenstern durchkrabbeln. Ganz so als säße ein Scharfschütze im gegenüberliegenden Haus, der nur darauf wartet, dass sein Laserpointer auf ein Stück Haut trifft.Normalerweise bin ich aber auch neugierig. Könnt ja etwas Wichtiges sein. Zum Beispiel der Postmann mit meinen neuen Schuhen. Aber Fehlanzeige. Vor mir steht eine Frau mittleren Alters mit burschikosem Haarschnitt (irgendwann hätte man mal dazu „flott“ gesagt) und einem Korb voll Äpfeln.“Schönen guten Morgen die Dame. Ich habe was zum Naschen mitgebracht!“Wuhuuuu!! Endlich den langersehnte Stripper??? Ach ne… Äpfel. Puuuuuh, hab eigentlich welche da.“Kartoffeln vielleicht?“ Ähm…“Nektarinen, Mandarinan, Orangen. Alles frisch vom Bodensee!“ Wusste nicht, dass der Bodensee in der südlichen Hemisphäre liegt und im Winter solche Vitamin-Schätze abwirft. Aaaaaber nein Danke.Seit wann kommt denn der Supermarkt in Form von einer Person zu einem nach Hause?? Das ist doch unwirtschaftlich. Was machen denn die armen Angestellten im Netto um die Ecke, wenn plötzlich Bodensee-Obst-Bäuerinnen ihnen als Klinkenputzer Konkurrenz machen?! Die verlieren ihren Job. Zack arbeitslos wegen irgendwelchen Bio-Schlampen mit Getreide in den Taschen.Auf der anderen Seite… Wenn die noch Milch, Haferflocken und Nudeln im Repertoir hätten, müsste ich mich noch weniger bewegen als sowieso schon. Was wirklich kaum möglich ist. Oder ein Supermarkt-Lieferservice. Oh Gott das gibts glaube ich schon für alte Leute.Na wir wollen ja das Unausweichliche nicht auch noch künstlich beschleunigen. Die ersten Falten sind immerhin schon sichtbar…