Ein schöner Job

Als semiprofessioneller Schreiberling bei einem zweitklassigen Provinzblatt genießt man einige Privilegien, von denen Normalsterbliche nur träumen können. So darf man bei Podiumsdiskussionen zum Thema „Europa und der Odenwald“ ganz vorne hinter einem Schildchen mit der Aufschrift „Presse“ sitzen und bekommt nicht so einen schöden Holzstuhl mit gedrechselten Armlehnen, sondern darf auf einer original 70er-Jahre Sperrmüll-Sitzgelegenheit mit Kunstlederbezug auf Schaumstoff-Polsterung platznehmen.
So sitzt man in mitten der alternder Landbevölkerung, die Interesse für Politik aufbringt und starrt gebannt auf die Obrigkeit (5 Politiker angefangen von Kreisebene bis hin zum Europapalament), die synchron am Wasserglas nippt.

Während sich die Doktoren aus Politik in Extase faseltn, stellt man fest, dass man von der Materie reichlich wenig Ahnung hat. Man kommt etwas ins Schwitzen, weil man einen Fragenkatalog in die Hand gedrückt bekommt, von dem man nur mir Mühe die erste Frage versteht, die sich freundlicherweise über eine Halbe Seite erstreckt. „Muss ich das fragen, oder macht der das?“, fragt der kleine Mann in meinem Ohr und ich beiße mir auf die Lippen. Natürlich muss ich das nicht fragen, das macht der Herr Doktor von der Volkshochschule mit der schrecklichen Sacko-Krawatten-Combi.

Den Blick starr auf die Infobrochure geheftet, hofft man, dass die Politologin gegenüber nicht ansieht, dass man in den letzten Tagen mehr Alkohol als Blut in den Adern gehabt hat und auch sonst nicht den geringsten Schimmer von Politik geschweige denn Europa hat.
Um von der eigenen Unwissenheit abzulenken, schreibt man fleißig mit was die Herren von sich geben, schmunzelt ab und an (wenns passt), zubbelt sich den Pulli zurecht, um wenigstens hübsch auszusehn, wenn man schon nichts weiß und wift das Glas um, auf dass sich das Wasser schön gleichmäßig auf dem Tisch verteilt und bobachtet dann wie die Tischdecke alles aufsaugt.

Zum Abschluss schaut man sich seine Notizen an und malt die Sternchen aus, die man vorher gekritzelt hat und unterstreicht das Wichtigste:
„Braunes Sacko, aus Sofabezugstoff nie zur orange-gelb karierten Krawatte tragen“

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