Weiter weg als Neuseeland

Great Barrier Island liegt am A*** der Welt. Man muss es so ausdrücken. Hier passiert sehr sehr wenig. Ich genieße das meistens. Doch ab und an packt mich die Ungeduld und ich sehne mich nach ein bisschen mehr Action. Aufzeichnungen eines „Europäischen Moments“.

Mittwochmorgen. Die Sonne steht bereits um halb 9 fast senkrecht am Himmel, der Kaffee dampft vergnügt. Ich sitze auf der Veranda und blickte aufs Meer, das sich gerade wieder gemächlich in den Hauraki-Golf zurückziehen will. Fünf Stunden Seeweg entfernt Richtung Süden liegt Auckland, zugedeckt mit dicken Wolken. Sie halten respektvolle Distanz zu Great Barrier Island, die 285 Quadratkilometer Vulkangestein, auf dem vor 100 Jahren die Veranda gebaut wurde, auf der ich mir einen karamellfarbenen Teint zaubern lasse.

Ich habe heute frei. Das mag so klingen, als ob ich an den anderen Tagen, an denen ich tatsächlich arbeite, nicht genau dasselbe morgendliche Zeremoniell vollziehe – Veranda, Kaffee, Sonne, Meer. Sorry to say that, aber so funktioniert das Leben auf „The Barrier“ eben: spät aufstehen, in die Sonne blinzeln, ein bisschen werkeln, eins, zwei Bierchen, eins zwei Mal die Woche, Sonnenuntergang und Sterne gucken, früh schlafen.

Ja, es ist das Paradies und es gibt allen Grund tiefenentspannt zu sein. Und doch, irgendetwas fehlt. Neuseeland ist ja schon weit weit weg von allem, aber Great Barrier liegt dahinter. Seit Wochen habe ich nicht den geringsten Schimmer, was in der Welt, in Europa, in Deutschland, vor sich geht. Fragt mich jemand nach meiner Meinung zu Merkel, Putin, Isis oder Gaza, muss ich passen. Besser nichts sagen, als halbgare, alte Informationsschnipsel wiederzukäuen.

Klar, ich könnte das alles im Internet nachlesen. Das gibt es auch hier, aber nur durch ein gelbes Kabel. Und das reicht gerade einmal über den Tresen des Irish Pubs, in dem ich hier auf der Insel als Köchin – nein Sous Chef – arbeite. Barhocker sind unbequem. Deshalb stehen die meisten Gäste, die sich hier an vier Abenden die Woche volllaufen lassen. Und stehend die die SZ online lesen, dazu fehlt mir die Kraft.

Ich schlendre zum winzigen Supermarkt nebenan. (Schneller gehen macht hier verdächtig.) Die Verkäuferin grüßt mich beim Namen. „How’s it going?“ ist hier eine ernstgemeinte Frage. Man hat Zeit, sich die Antwort anzuhören. In der Regel geht‘s bestens.

Ich kaufe mir den New Zealand Herald, fange Artikel über die hiesige Immobilienblase an und blättre gelangweilt weiter. Rugby-League ist mir auch irgendwie wurscht. Ich suche nach Informationsschnipseln von zu Hause, nach Brosamen aus der westlichen Welt, nach Nahrung für mein unterfordertes Hirn. Nichts. Mittwochs findet der Rest der Welt nicht statt. Und montags, und dienstags und donnerstags … Nicht hier, nicht auf The Barrier.

Schulterzucken gehört hier zum Volkssport. Ich trainiere hart, schnüre die Wanderschuhe und kraxel auf den nächsten Hügel. Welt wird schon nicht untergehen. Und wenn, hier bekomm ich‘s als Letzte mit.

Dahinten ist Chile

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