Schlafen in der Achterbahn

Wenn der Kapitän nachts um eins zu einem sagt: „Das wollte ich Euch eigentlich ersparen“, dann weiß man auch als Laie, dass die erste gemeinsame Nachtfahrt ungemütlicher als geplant verläuft.

Zwischen Saint Martin und den British Virgin Islands peitschen wir bei durchschnittlich sechs Windstärken und sieben Knoten gehn Westen. Spitzenwert in dieser Nacht: zwölfeinhalb Knoten, 80 Meilen in elf Stunden – sportlich.

Wenn der Mond zwischen den schweren, milchigen Wolken hervorlukt, sieht man die Urgewalt des Meeres, die ich bis dato noch unterschätzt hatte. Zwei Meter hohe Wellen heben und senken das Boot wie einen Fahrstuhl. Sollten sie zumindest in der Theorie. Doch auf unserem Weg ist der Meeresgrund so uneben – mal 100 mal 1000 Meter tief – dass die Wellen keinem Schema mehr gehorchen wollen und von allen Seiten kommen. Ein riesen Durcheinander auf See.

Und in der Koje dröhnt und röhrt es. Das Wasser klatscht an die Unterseite des Katamarans, die Wellen schieben von hinten, brechen an Steuerboard; Wasser schwappt durch die Luke an Board. Und es plätschert im Schrank. In dem Fall gilt auf See, was auch an Land gilt: Im Schrank hat gefälligst nix zu plätschern!! Tut’s auch nicht. Alles draußen, da wo man bei einem solchen Wind nicht hin will.

Aber Frischluft muss sein. Gerade wenn einem trotz stabiler Seitenlage in der Koje speiübel wird. Ein tiefer Atemzug an Deck und schon geht’s los. In den Eimer.

Stellt sich übrigens raus, dass Kotzen vor Publikum weniger peinlich ist, wenn alle Anwesenden nüchtern sind. Aber dennoch schade um den guten Couscous.

Blaupause

Es stimmt was Konstantin Wecker über München sagt: „Tiefblau ist der Himmel nur in München. Über der Ludwigstraße.“ Davon weiß ich nichts. Ich kann nur sagen, dass der Himmel über der Sendlinger Straße verdammt nochmal richtig arg blau ist… soweit ich das hier aus dem Bürofenster beurteilen kann.

Sonniger Spätsommer macht immer ein bisschen wehmütig. Wie kann es denn sein, dass die letzten drei Monate einfach so an mir vorbeigezogen sind? Wieder hab ich die heißen Monate irgendwie verpasst. Statt grillen am See, googeln in Raum 102. Statt Eis und Groschenroman, Nudelsuppen und heute Journal.

Und dann ist es plötzlich kurz vor Winter, die Blätter sind nicht mehr ganz so grün und trotzdem lacht einem die Sonne immernoch dreckig ins Gesicht: „Tja haste mich verpasst. Loser. Arbeite du mal schön weiter. Ich schein hier noch die nächsten drei Wochen bis du wieder zu Hause bist im Wald – bei Wind und Regen.“

Aber seltsamerweise freu ich mich darauf. Ich freu mich auf bunte Blätter, auf absolute Stille im Wald, auf eine kalte Nase, auf Schals und Stulpen. Äh ne, doch nicht. Stulpen sind so ein Pferdemädchen-Equipment. Aber auf Handschuhe freu ich mich.

Zusammengefasst: Ich werde den halben Winter (also jede freie Zeit, die ich nicht in der FH, auf der Arbeit und im Bett verbringe) draußen sein. Dafür werde ich mir von irgendwem, der selbst zu faul oder verhindert ist, den Hund ausleihen und mit ihm Gassi gehen. Oder noch besser: Ich hol mir wieder einen kleinen, flauschigen Welpen, der innerhalb von acht Monaten zu einem riesen Vieh ranwächst und mir die Haare vom Kopf frisst – wie damals vor zwölf Jahren. Dann ist zwar mein ganzes hart-verdientes Geld wieder weg, aber ich hab immerhin jemanden zum Spielen.