Das Ende von etwas

Ich stehe in dem gleichen Korridor des runtergekommenen 60er-Jahre-Baus, in dem ich bereits die vergangenen vier Jahre verbracht habe. Diesmal aber allein. Kein Stimmengewirr, keine anderen Studenten. Einsam blicke ich den langen Gang entlang. Eierschale nennen Farbnazis den Ton, in dem er getüncht wurde. Auf Kniehöhe ziehen sich dunkle Schlieren an der Wand entlang. Schuhabdrücke tausender Studenten, die sich dort in den vergangenen Jahrzehnten angelehnt haben.

Ein Blick auf die Uhr, aufs Handy. 17:12 Uhr. Eigentlich könnte ich jetzt nochmal aufs Klo, bevor es losgeht. Besser nicht. Seltsamer Gedanke, wenn die Professoren nur eine Tasche und ein graues Jackett auf der Fensterbank vorfinden. Diplomprüfung und man selbst sitzt auf dem Lokus.

Draußen weicht der Dauerregen das dicke Moos auf dem Dach auf. Die Kiesel rundherum glänzen nass und speckig. Tropfen prasseln auf das Fensterbrett. Aus dem Raum, dem ich selbst gleich betreten muss, höre ich dumpfe Stimmen, leise Diskussion. Nichts Genaues.

Ich popel währenddessen den grauen, morsch gewordenen Kitt vom Fensterrahmen. Doppelglas der ersten Generation. Eine Scheibe durchzieht ein Sprung mit scharfer Kante. Blutend sollte ich vielleicht auch nicht in die Prüfung gehen. Also Finger weg.

17:20 Uhr. Die einzige „Warten ist ein Arschloch“-SMS erreicht seinen Empfänger. Der Regen hat nachgelassen. Jetzt nieselt es nur noch. Feiner Sprühnebel, von dem sich meine Haare sicher kringeln würden… wenn ich draußen wäre.  Stattdessen: Warten. 17:23 Uhr, 17:31 Uhr. Hätte doch noch mal aufs Klo gehen können.

Die Tür geht auf: „So, bitte Frau Röder.“

Das Ende eines Lebensabschnitts… mit Bravour bestanden.