Torschlusspanik-Party

Ü-30 Parties sind traurig. Also für die Betroffenen. Alle, die deutlich unter 30 sind, empfinden entweder Mitleid, Abscheu oder amüsieren sich prächtig. Ich schwanke zwischen eins und drei. (Zunächst muss man hier erklären, wie ich mit Anfang/Mitte 20 auf eine Ü-30-Party komme. Strengenommen war es keine Party, sondern schlicht eine Bar, in denen sich Menschen, die Queen noch live erleben durften, tummelten. Ich möchte jetzt keinem dort fälschlicherweise einen guten Musikgeschmack unterstellen… fiel mir nur so ein. Wie dem auch sei)Bars mit Menschen über 30 gleichen einem gigantischen Uterus. Fein aufgereiht sitzen eine Hand voll pulsierende Ovarien (Frauen) fest verankert und lassen sich bewundern, während um sie herum hunderte Spermien (Männer) nervös tänzeln. Sie schubsen sich, jeder will der erste sein und alle sind unendlich aufgeregt, weil sie noch nicht so wirklich ans Ziel gelangen. Denn wenn man mal ehrlich ist: Wieso gehen Singles über 30 abends weg? Eben: Um möglichst bald unter die Haube zu kommen und Kinder zu zeugen. Die Sturm- und Drangzeit ist vorbei, der größte Teil des Freundeskreises hat sich familiär zu Ruhe gesetzt, ein Nest gebaut und sie sind der traurige Rest. Die Hängengebliebenen, die mit Ende 20 nicht den Absprung geschafft haben und sich immernoch durch die tückische Singlewelt kämpfen müssen. Nur dass das auf einmal viel schwerer ist als damals, als man auf Studentenparties noch jede Woche eine andere mit nach Hause genommen hat.Man kann die Gäste grob in drei Gruppen unterteilen:Typ A ist Sabine. Sabine ist tagsüber Bürokauffrau oder Zahnarzthelferin und schaut sich gerne nach Feierabend Verbotene Liebe an. Wenn sie mal abends ausgeht, dann mit ihren zwei besten Freundinnen, von denen sie die Mauela schon n bissl lieber mag als die Michaela. Die blonden, dauergewellten Haare hat sie mit Haarspray festbetoniert und als neckischen Akzent eine kleine Glitzerspange festgeklippt. Die S.Oliver-Jeans wird brav in die Stiefel gesteckt und so nippt sie an ihrem Vodka-Lemon und konzentrieren sich darauf, dass das etwas zu enge Top nicht verrutscht, während sie sich mit Dirk unterhält. Dabei vergisst sie nicht, mit dem linken Zeigefinger ständig eine Haarsträhne auf- und wieder abzurollen. Denn sie hat natürlich Sami Molcho auswendig gelernt und kennt sich aus mit Körpersprache und weiß wie man die Männer verrückt macht.Typ B ist Marcus. Marcus ist Systeminformatiker und kocht privat ganz gerne. Wenn er mal abends weggeht, dann am liebsten in seinem schwarzen Glanzhemd vom NewYorker, das mit dem Tribal quer über die Schulter. Seine Kumpels, mit denen er normalerweise online zockt, wohnen zu weit weg und er kennt sie auch nicht richtig. Also geht er lieber alleine und tanzt. Einfach so lässt er seine etwas zu dünnen Beine in den etwas zu kurzen Hosen, deren Bund etwas zu hoch in der Taille sitzt zu Gloria Estefan und Dr. Alban zucken. Wenn die Musik stoppt ist er derjenige, der sich trotzdem bewegt. Balztanz mit ungewisser Zielsetzung.Typ C ist Thorsten. Thorsten hat gerade so ein Geschäft mit einem Kumpel laufen. Wird was ganz großes, weswegen er statusbedingt auf der Party mit Hemd und Anzughose erscheint. Die Haare sind streng nach hinten gegeelt und die Schuhe poliert. Ein Finger steckt im Haken des Sackos, das er so lässig über der Schulter trägt. Natürlich kennt der den Barkeeper persönlich, begrüßt ihn mit Handschlag und bestellt für die „Ladies“ am Tresen einen Prosecco. Gleich mal Eindruck schinden. Er palavert mit großen Gesten, zupft sich alle paar Minuten einen nichtvorhandenen Fussel vom Hemd und lehnt sich interessiert nach vorne, wenn eine der „Ladies“ von ihrem Nagelstudio erzählt.Keiner der drei hat Erfolg an diesem Abend. Ok, vielleicht Markus. Der ist zumindest ohne Erwartungen bei der Torschlusspanik-Party erschienen.Sollte ich wirklich eine steile Karriere hinlegen, bei der jegliches Privatleben tief begraben liegt, werde ich als Ü-30 NIEMALS solche Etablissements aufsuchen. Eher sterb ich einsam aber in Würde.