8 semanas en „Faro“

So, gekellnert wär auch.

Es wurde viel rumgeschrien, suspendiert und gekündigt. Mein 26-jähriger Chef „La cara“-Julio  (ja ganz genau, wie „The face“ aus dem A-Team) hat sechs Kellner in der Zeit rausgeschmissen. Ich war mit meinen vollen zwei Monaten so etwas wie eine Konstante in dem Laden. Mein Glück, dass ich Englisch und Deutsch spreche, sonst wär ich sicher auch geflogen.

Wenn man Essen beim Koch („No Hay!“-Jaime) bestellt hat, bekam man erst ein „Was willst du?!“, dann ein „Gibt’s nicht“ und dann ein „Immer der selbe Scheiß. Sieh zu, dass du wegkommst!“. Die Pizza war meistens kalt, der Wein zu warm und im Keller tanzen die Kakerlaken Samba auf dem Bife de Lomo.

Der eine Kollege war an meinem letzten Arbeitstag voll wie ein Schuh, hat dankenswerterweise auch während der Schicht heimlich weitergesoffen und abwechselnd Kollegen umarmt und zur Sau gemacht.

Und trotzdem oder gerade deswegen waren die letzten acht Wochen ein Heidenspaß.

Nach insgesamt knapp 400 Stunden in „Faro“ bleiben:
– 1300 angehäufte argentinische Peso
– 1000 chilenische Peso Trinkgeld
– 2 US-Dollar Trinkgeld
– 1 Paar völlig kaputte und ausgelatsche Schuhe inklusive Loch in der Sohle
– 1 selbsterstandenes und ziemlich nützliches Kellnermesser
– 4 blaue Flecke
– 1 verdrehtes Knie
– 5 Mal für eine Ukrainerin gehalten worden (nach dem 3. Mal aufgegeben, die Familiengeschichte zu erläutern)
– 7 E-Mail-Adressen von Deutschen Gästen, die ich sicher mal zu Hause wiedersehen werde
– 20 Fotos (es wären mehr, wenn die Kamera nicht so mies wär und mehr Kollegen zum fotografieren dagewesen wären)
– die Erkenntnis, dass ich gar nicht so eine miese Kellnerin bin. Jedenfalls besser als vor fünf Jahren. Eine Karriere wirds
dennoch nicht werden.

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barrera lingüística

Da ist dieser Kollege. Und ja, ich weiß, dass man über die Arbeit nicht bloggt. Aber das ist Kellnern in einer Tourifalle in Mendoza. Eine Karriere und Bindung fürs Leben versau ich mir damit nicht.

Also: Da ist dieser Kollege. Trudelt als letzter zur Schicht ein und geht dafür als erster. Hütet sich davor, Arbeiten zu verrichten, die primär erstmal nichts mit Geld verdienen zutun haben. So was wie Bestecke polieren oder Obstsalat schnibbeln. Kurzum: Er kommt nur, um an seinen fünf bis sieben Tischen zu verkaufen. Erwarten braucht man von ihm nichts. Da wir auf Kommission arbeiten, ist Verkaufen ein wesentlicher Punkt der Arbeit. Wer kein Geld reinbringt, bekommt auch keins am Ende des Abends. Ist also okay, so viel Geld wie möglich machen zu wollen. Teamgeist wäre aber trotzdem schön.

Wehe, wenn man zum Beispiel einen der eigenen Tische ein wenig in Richtung seiner Sektion schiebt, weil man seinen Gästen nicht auf Dauer zumuten will, von dreckigen Tauben zugeschissen zu werden, die im Baum darüber sitzen. Dann wird beim Chef gepetzt und rumgemosert bis man den Tisch geknickt wieder an den alten Platz schiebt. Bisschen Vogelschiss auf der Pizza, halb so wild. „Dreck git Speck“, wie man in Südhessen sagt.

Oder gestern Abend ist er in den Keller zur Kühlbox, holt zwei (!) Eiswürfel für die Cola, die er an Tisch 5.2 tragen sollte. Statt einfach eine Tüte Eis für alle mitzunehmen, stiefelt er seelenruhig mit seinem Glas und seinen zwei Eiswürfeln wieder hoch.

Und ja, mir ist der Kragen geplatzt. Und ja, ich habe zum ersten Mal rumgeschrien. Weil das nur ein kleines Beispiel für Arschigkeit am Arbeitsplatz ist und weil ich nicht die einzige bin, der es auf den Sack geht, wie sich der Mensch verhält.

Das einzige, was zurück kam, war Gelächter. Er hat sich über mich lustig gemacht, weil ich mich auf Spanisch nicht gut genug ausdrücken kann, um jemanden gepflegt rund zu machen. Mich hat ein 36-Jähriger ausgelacht, der sein Leben nichts anderes mehr machen wird, als Essen von einem Schacht in einer Restaurantküche an hungrige, unfreundliche Mäuler zu tragen; der nicht weiß, was es heißt, nicht die richtigen Worte finden zu können, weil er nie versucht hat, eine andere Sprache zu lernen. Er hat mich ausgelacht, weil ich den Mut habe, mir in einer Sprache Gehör zu verschaffen, die ich erst seit fünf Monaten lerne.

Ich arbeite nicht nur, um Geld zu verdienen. Ich seh’ die 40 Stunden am Wochenende auch als Chance, mein Spanisch aufzubessern. Tägliche Übung in Alltagssituationen. Und ich will verdammt noch mal nicht ausgelacht werden, wenn es ab und an holpert!!

Das ist frustrierend. Das tut weh. Weil es mir zeigt, dass ich zwar hier bin aber nicht hier her gehöre.