Mängelexemplar

Vor ein paar Tagen bin ich durch Berlin gestolpert auf der Suche nach einem adäquaten Gastgeschenk für meinen Couch-Mensch. Also für den, auf dessen Couch ich während der re:publica crashen durfte. Bin schließlich in einer Buchhandlung irgendwo in Mitte gelandet. Da war alles so billisch! Wunderte mich, weil sah gar nicht ramschig aus da. Hab dann festgestellt, dass das alles Mängelexemplare waren, die dort feilgeboten wurden.

Ganz besonders zynisch: direkt an der Kasse – ja da wo im Supermarkt auch immer das rumsteht, was sonst eigentlich keiner haben will – lag ein Stapel „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“ von Schlingensief für 4,95 Euro. Einen, der seinen nahenden Krebstot in einem Tagebuch aufgearbeitet hat, als Mängelexemplar anzubieten, entbehrt nicht einem gewissen Sinn für Humor.
Jetzt les ich gerade das Buch und denk mir so: Schlingensief hätte das auch lustig gefunden. Der war so.

So traurig das Thema ist, aber ich muss die ganze Zeit ziemlich lachen während ich die Schimpftiraden auf Gott, seine Mama und die wuchernden Zellen in seinem Körper lese. Tut mir ja auch voll leid. Aber ich bitte euch:

„Es sieht wohl so aus, dass links ein bisschen in die Brustwand reingewachsen ist. Wenn es so wäre, wäre es auch kein Problem. Da kommt da ein kleines Stückchen von der Brustwand raus und dafür krieg ich da Goretex eingesetzt. Das finde ich extrem schick. Das hat auch nicht jeder: Wenn man mal in den Regen kommt, dann bleibt die Stelle einfach trocken. Die Farbauswahl ist der einzige Streitfaktor hier. Wahrscheinlich werde ich deshalb die Operation morgen doch noch absagen, denn die wollen mir Ocker einnähen, ich will aber Silber haben. Es soll silber glänzen, wenn ich die Arme hebe und Aino nachschaut, ob ich da Pickel habe oder was auch immer. Man kann aber auch gut beichten damit. Dann knie ich nieder und beichte in dieses Stück Goretex rein. Das geht dann direkt in meinen leeren Lungenkörper und wird einfach in Energie umgewandelt.“ (S. 79)

Muss man jetzt nicht drüber lachen. Er hätt‘ sich aber sicher drüber gefreut. So, und jetzt mal andächtige Ostern.

Zum Tod Schlingensiefs

Mit Christoph Schlingensief ist es so wie mit Helmut Newton. Als der vor ein paar Jahren gegen die Mauer gefahren ist und das nicht überlebt hat, war ich auch bestürzt. Bestürzt, weil ein Künstler gestorben ist, den ich faszinierend fand, von dem ich aber nichts wusste, allenfalls ein paar seiner berühmtesten Bilder kannte. Plötzlich war er nicht mehr da und hat eine Lücke hinterlassen.

Bei Schlingensief ist das jetzt genau so. Sicher, die jüngeren Werke wie den Parsifal in Bayreuth hab ich auch mitbekommen. Anderes, wie sein Bad mit hunderten Arbeitslosen im Wolfgangsee und seine Partei mit der er mit dem Slogan „Scheitern als Chance“ in den Bundestag einziehen wollte: Nie davon gehört. War nicht meine Zeit. Jetzt ist Chrsitoph Schlingensief tot. Das find ich schlimm. So schlimm, dass es mir einen schönen, heißen Sommertag vermiest.

Ich bin kein Kunstmensch, kenne die Szene nicht, gehe nie in die Oper. Ab und zu ins Theater. Kunstausstellungen? Joa, wenn es sich ergibt, muss aber nicht. Warum mich sein Tod dennoch so betroffen macht? Schlingensief war für mich der letzte echte Punk in Deutschland. So steif und uninteressant unser Land auch geworden ist. Schlingensief hat auf den Haufen Scheiße gezeigt und ihm Farbe verliehen. Er wurde nie alt, nie langweilig. Eine schillernder Fleck in einem öden Land. Er war ziemlich cool.

Das Land ist ohne ihn eine Nuance grauer geworden. Das ist ganz schön traurig.