{"id":7317,"date":"2015-03-18T10:00:51","date_gmt":"2015-03-17T21:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pia-roeder.de\/?p=7317"},"modified":"2015-03-15T18:17:12","modified_gmt":"2015-03-15T05:17:12","slug":"indonesien-medan-digitale-nomaden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/indonesien-medan-digitale-nomaden\/","title":{"rendered":"Und so ist das wirklich als Digitaler Nomade"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein Traum: In der H\u00e4ngematte an einem l\u00e4cherlich sch\u00f6nen Strand fl\u00e4zen, w\u00e4hrend man f\u00fcr Kunden in \u00dcbersee ein bisschen was schreibt, gestaltet und online vermarktet. Zwei Wochen sp\u00e4ter klingelt die Kasse und das n\u00e4chste Reiseziel wartet. Danke Globalisierung und Internet! Nein, so ist das ganz und gar nicht. Protokoll zweier ziemlich bescheidener Arbeitstage im mobilen B\u00fcro.<\/p>\n<p><strong>Medan\/Sumatra, Kilometer 3.500<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h4><strong>Tag 1<\/strong><\/h4>\n<p>Mein Flieger hat Versp\u00e4tung. Eine Stunde oder zwei scheint bei Lion Air nichts Ungew\u00f6hnliches zu sein. Es ist Samstagvormittag, ich hab das ganze Wochenende \u00fcber Zeit zu arbeiten. Kein Grund zur Aufregung.<\/p>\n<p>In Medan angekommen nehme ich den Bus in die Stadt. Der Fahrer wei\u00df angeblich, wo mein Hotel liegt und l\u00e4sst mich nach etwa einer Stunde Fahrt an einer vierspurigen Schnellstra\u00dfe raus. Nichts als hei\u00dfer Staub und zerfetzte Plastikt\u00fcten im Wind. Er br\u00fcllt irgendwas und deutet auf die andere Stra\u00dfenseite. Dort sind tats\u00e4chlich H\u00e4user und auf einem steht der gleiche Name wie auf meiner Reservierung.<\/p>\n<p>Das Hotel ist super! Modern, sauber (!), eigenes Restaurant, englischsprachiges Personal und nur 12 Dollar pro Nacht. Perfekt! Nur: Das ist nicht mein Hotel. Meine Unterkunft hat den zwar gleichen Namen, liegt aber am anderen Ende der Stadt. Mittlerweile ist es halb vier am Nachmittag und der Puls steigt.<\/p>\n<p>Ein Taxi bringt mich einer arabischen Kitsch-Villa mit Fu\u00dfb\u00f6den aus poliertem fleischfarbenem Marmor, Moschee direkt nebenan. Der Rezeptionist betet gerade und ich warte &#8230; und warte noch ein Weilchen l\u00e4nger. Meine Uhr tickt wieder europ\u00e4isch. Ich habe keine Zeit, werde ungeduldig, denke an Deadlines. Mein Fingertippen auf dem Tresen echot in der steinernen Halle.<\/p>\n<p>Der kleine Muselmann spricht keinen Ton englisch, aber er l\u00e4chelt viel. Das auf der Website angepriesene kostenlose WLAN ist gerade zuf\u00e4llig kaputt. Es sind 34 Grad und ich koche. Aber freundlich l\u00e4cheln und nicken muss sein. Man ja im Ausland Botschafter f\u00fcr sein Land, und sich als nervige Zicke aufzuf\u00fchren, kommt nicht gut &#8211; weder daheim noch hier.<\/p>\n<p>Mein Zimmer sieht aus wie ein Tatort. Kein Fenster, die rostbraune Tapete rollt sich von den W\u00e4nden, ein Sperrholz-Schreibtisch versperrt halb den Durchgang zum Bad. Der Plastikrahmen des Spiegels ist verschmort. Es riecht nach Chlor und kaltem Rauch. Immerhin: Das Bett ist sauber. Ich dusche kalt, packe meinen Laptop ein und mach mich auf die Suche nach einem WLAN-Spot. Es ist 18 Uhr.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich falle ich in ein Sofa aus geflochtenem Plastik. Der Tisch vor mir ist zu hoch, und ich f\u00fchle mich wie eine F\u00fcnfj\u00e4hrige, die mit Mama und Papa essen muss. Aber hey: WLAN! Ich bestell einen Kaffee, von dem King Kong einen Herzinfarkt bekommen w\u00fcrde, und beginne zu arbeiten. Die Techno-B\u00e4sse, die mit voller Lautst\u00e4rke aus den Boxen wummern, ignoriere ich. Und so sitze ich auf demselben Fleck, sieben Stunden lang. Mein R\u00fccken schmerzt, als ich aufstehe, den Laptop zuklappe und mich hundem\u00fcde zur\u00fcck in meinen Kerker schleppe. Morgen geht&#8217;s weiter.<\/p>\n<h4><strong>Tag 2<\/strong><\/h4>\n<p>Der Wecker klingelt um acht, wach war ich bereits um sechs. Danke an den Muezzin. Mein Techno-Caf\u00e9 macht erst am Nachmittag auf. Bl\u00f6d. Also los nach einem anderen &#8222;B\u00fcro&#8220; mit WLAN suchen. Nach zwei Stunden planlosem Umherwandern spricht mich eine junge Indonesierin an: perfektes Englisch, perfektes L\u00e4cheln. Was ich denn suche, fragt sie. Nun ja &#8230; Sie f\u00fchrt mich zu einem Uni-Campus ganz in der N\u00e4he, angeblich gibt&#8217;s dort offenes WLAN und einen Arbeitsplatz f\u00fcr mich. Juhu!<\/p>\n<p>Stellt sich raus: Ich bin an der wohl einzigen christlich-theologischen Fakult\u00e4t Indonesiens gelandet. Alle f\u00fcnf Minuten m\u00f6chte jemand anderes mit mir \u00fcber Gott reden. Das Internet ist l\u00e4hmend langsam, alle singen und beten, und ich m\u00f6chte ihnen den Hals umdrehen. Das darf man aber nicht als Christ. Und heute bin ich Christ, denn ich nutze christliches Internet.<\/p>\n<p>Die katholische Gemeinde von Medan h\u00e4lt einmal w\u00f6chentlich einen Gottesdienst auf Englisch. Den d\u00fcrfe ich nicht verpassen, sagt die Indonesierin eindringlich strahlend. &#8222;Nein, auf keinen Fall&#8220;, kreische ich begeistert. Ich entwickle eine manische Depression. Sie geht und 10 Minuten sp\u00e4ter auch ich.<\/p>\n<p>Nein, ich kann das nicht. Nicht heute.<\/p>\n<p>Das Techno-Caf\u00e9 hat offen. Die B\u00e4sse wummern. Ich h\u00f6re nichts. Ich schaue in die Ferne und denke das erste Mal seit Langem an zu Hause.<\/p>\n<hr \/>\n<span class=\"label label-danger\">Und warum das Ganze?<\/span>\n<p>Okay okay, ich hab geschummelt. Ich bin von Bandung nach Medan geflogen. Sumatra ist einfach zu gro\u00df, um das auf dem Landweg in nur zwei Wochen, die mir mit meinem Touri-Visa bleiben, zu entdecken. Und die interessanten Orte liegen alle im Norden. Au\u00dferdem muss ich arbeiten. Da kommen mir zwei N\u00e4chte in der Stadt, von der mancher behauptet, sie <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/reise\/staedtereisen\/article13442574\/Medan-auf-Sumatra-taugt-hoechstens-zur-Durchreise.html\" target=\"blank\">tauge h\u00f6chstens zur Durchreise<\/a>, ganz recht.<\/p>\n<p>Ja, ich bin wohl ein digitaler Nomade. Ich reise mit meinem Laptop durch die Weltgeschichte und arbeite online f\u00fcr Kunden zu Hause. Ich mag den Begriff nicht. Digitaler Nomade klingt so nach Media-Hipster mit B\u00fcro-Phobie. Es klingt nach Berlin. Berlin mag ich auch nicht. Dort tummeln sich gef\u00fchlt alle Reise-Hipster, wenn sie nicht gerade mit ihrem ultraleichten Laptop durch Nepal reisen und von dort Websites f\u00fcr Brauereien in S\u00fcddeutschland basteln. Ich will gar nicht so sein. Aber ich bin so. Nur ist mein Arbeits- und Lebensstil nicht ganz so entspannt, wie es einem manche Profi-Nomaden wei\u00df machen wollen. Muss da noch ein wenig \u00fcben.<\/p>\n<hr \/>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.google.com\/maps\/d\/embed?mid=zAHtKtVbk9A4.kVTU7dzQaV3I\" width=\"750\" height=\"350\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein Traum: In der H\u00e4ngematte an einem l\u00e4cherlich sch\u00f6nen Strand fl\u00e4zen, w\u00e4hrend man f\u00fcr Kunden in \u00dcbersee ein bisschen was schreibt, gestaltet und online vermarktet. Zwei Wochen sp\u00e4ter klingelt die Kasse und das n\u00e4chste Reiseziel wartet. Danke Globalisierung und Internet! Nein, so ist das ganz und gar nicht. Protokoll zweier ziemlich bescheidener Arbeitstage im mobilen B\u00fcro. 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