{"id":6436,"date":"2014-08-09T21:00:36","date_gmt":"2014-08-09T09:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pia-roeder.de\/?p=6436"},"modified":"2015-02-02T19:10:02","modified_gmt":"2015-02-02T06:10:02","slug":"tonga-ist-fast-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/tonga-ist-fast-kunst\/","title":{"rendered":"Fast Kunst"},"content":{"rendered":"<p>Tonga k\u00f6nnte so sein, wie es sich die alten Meister ertr\u00e4umt haben: ein Paradies in der S\u00fcdsee, wild und urspr\u00fcnglich, wie gemalt in satten Farben. Das ist Kolonial-Kitsch \u2013 aber nur fast.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Du ber\u00fchrst das Bild, f\u00e4hrst mit den Fingerspitzen \u00fcber die dicke Schicht \u00d6lfarbe, wanderst entlang gr\u00fcner Palmwedel, streichst \u00fcber ein leuchtend rotes Kleid, zwirbelst schwarze Haare und stupst eine bronzefarbene Nasenspitze.<\/p>\n<p>Du z\u00f6gerst. Hat die Nase bei deiner Ber\u00fchrung gerade gezuckt? War da nicht ein Fl\u00fcstern?<\/p>\n<p>Die Farben werden fl\u00fcssig, sie kriechen, bilden Strudel. Die Pigmente flie\u00dfen ineinander: Aus Bronze wird Rot und Gelb, vermischt sich mit Blau und Gr\u00fcn. Lila Tropfen rinnen wie Sirup die Leinwand hinab. Der bunte Strom wandert deinen Finger entlang, f\u00e4rbt deine Hand, deinen Arm. Ein Sog zieht dich ins Bild. Du kannst Dich nicht wehren, du drehst und drehst dich, alles verschwimmt in einem bunten Ozean.<\/p>\n<p>Du \u00f6ffnest die Augen.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"\/\/player.vimeo.com\/video\/102989045\" width=\"750\" height=\"422\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p>Die Sonne am Himmel blendet. Der Schatten einer Kokospalme streift deinen Blick und der Duft von gebratenem Huhn und Vanille liegt in der Luft. Die Frau mit dem roten Kleid und der Haut aus Milchkaffee sitzt neben dir, wie ein dickes gem\u00fctliches Sofakissen. \u201eMalo lei lei, wanna coconut? Cool and fresh?\u201c Du bist durstig. \u201cYes yes, malo. Thank you.\u201c Du bist in Tonga.<\/p>\n<p><a title=\"Paul Gaugin - Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paul_Gauguin\" target=\"_blank\">Paul Gaugin<\/a>\u00a0hat Polynesien einst so gemalt, wie er es sich ertr\u00e4umt hat: bunt, urspr\u00fcnglich, wild, unzivilisiert. Mit nackten Sch\u00f6nheiten in Bastr\u00f6ckchen, geflochtenen K\u00f6rben voll Maniok und Kochbananen, mit dampfendem H\u00fchnerbein aus dem Erdofen. Er malte Orte am Ende der Welt, an denen die Zeit stehen geblieben ist, getaucht in satte, leuchtende Farben. Doch was er stattdessen sah, waren Menschen mit fleckigen Karohemden und ausgetretenen Lederschuhen in ihren Wellblechh\u00fctten, viel zu gesch\u00e4ftig f\u00fcr das Paradies. Eben Westen statt Kolonial-Kitsch.<\/p>\n<p>So ist Tonga. Geflochtene Bastg\u00fcrtel halten die gewaltigen Becken der wuchtigen Frauen. Wenn sie l\u00e4cheln, blitzen goldene Kronen zwischen perlwei\u00dfen Z\u00e4hnen. M\u00e4nner in wadenlangen, schwarzen R\u00f6cken und meterlangen Bastmatten trinken Kava \u2013 kaltes Matschwasser, das die Zunge bet\u00e4ubt. Zierliche M\u00e4dchen in bunten Uniformen mit langen, schwarzen Z\u00f6pfen schlendern kichernd zur Schule. Von irgendwoher l\u00e4uten Kirchenglocken und der laue Wind tr\u00e4gt den Lobgesang \u00fcber Herrn Jesu Christus an dein Ohr. Nicht weit von hier waschen sanfte Wellen den Kalk aus Korallenriffen und hinterlassen einsame, hohle Buchten, schneewei\u00df im glei\u00dfenden Sonnenlicht.<\/p>\n<p>Doch Tonga, das sind auch die unz\u00e4hligen Chinesen in billigen Kunstlederjacken, die kein Wort Englisch sprechen. Ramschware aus Asien verstaubt hinter den Gittern ihrer Tante-Emma-L\u00e4dchen. Gigantische Reklametafeln entlang der Hauptstra\u00dfen versprechen endlich schnelles Internet, und Autovermietungen schicken ihre w\u00fcrfelf\u00f6rmigen Hondas und Nissans als Shuttle-Service zum Flughafen.<\/p>\n<p>Die Jungen tanzen Hip-Hop in der <a title=\"Icon Tonga\" href=\"https:\/\/www.facebook.com\/IconTonga\" target=\"_blank\">Dance Academy<\/a>\u00a0und verarbeitet so ihre allt\u00e4glichen Episoden \u00fcber Liebe, Streit und Drogen. Die Alten warten auf Almosen ihrer Verwandtschaft in Neuseeland oder Australien, die dem Inselk\u00f6nigreich mit seiner Korruption und Armut entflohen ist. Zarte M\u00e4dchen mit sanftem L\u00e4cheln und solche, die gerne echte M\u00e4dchen w\u00e4ren, bespa\u00dfen die Touristen in den Beach-Resorts. Die klatschen und schunkeln dazu, bis die teigig-wei\u00dfen Oberarme wackeln.<\/p>\n<p>Zwischen all dem graben fette Schweine Yamswurzeln mit ihren R\u00fcsseln aus. Ihre schweren Zitzen schleifen im Dreck, und die Ferkel quieken dazu.<\/p>\n<p>James Cook hat dieses Fleckchen Paradies in der S\u00fcdsee einst \u201eFriendly Islands\u201c genannt. So weit weg von Chaos und Krieg der Palangi People \u2013 der Wei\u00dfen aus dem Westen. Hier wei\u00df man wenig von Gaza und von der Krim. Man hat andere Sorgen, und irgendwie ist es auch egal.<\/p>\n<p>Du bist so eine Palangi, eine Wei\u00dfe inmitten von Bronze. Eine Fremde. Jeder wei\u00df es, jeder sieht es. Doch sie winken, sprechen mit dir, laden dich ein. Nach Kilometern zu Fu\u00df entlang von Kokosnussplantagen, mitten im Busch, h\u00e4lt knatternd ein Lieferwagen. \u201eWhere you wanna go?!\u201c fragt ein freundliches Gesicht. \u201eVeitongo\u201c. Ein Nicken, ein L\u00e4cheln aus Perlen und Gold, und du springst auf die Ladefl\u00e4che.<\/p>\n<p>An dir vorbei ziehen gr\u00fcne Palmen, unter dir der rote Sand. Schulkinder winken dir zu und rufen \u201eBye!\u201c, niemals \u201eHi\u201c. Du blickst auf deine H\u00e4nde, schwarzer Dreck unter deinen N\u00e4geln. Du kratzt die wei\u00dfe Farbe von der verschmierten Dose neben dir, verreibst sie zwischen den Fingern. Die Farbe wird fl\u00fcssig, kriecht. Nein, Unsinn. Der Fahrtwind rupft an deinen Haaren und weckt dich aus deinem Tagtraum.<\/p>\n<p>Das ist echt. Du bist in Tonga. Du bist so weit weg von allem. Und du bist gl\u00fccklich.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/pisaei\/14863012094\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm4.staticflickr.com\/3850\/14863012094_98035207fc_o.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" \/><\/a><\/p>\n<span class=\"label label-danger\">Info<\/span>\n<p>Trampen in Tonga ist \u00fcbrigens ganz leicht. Hinstellen, Daumen raus, &#8217;ne Minute warten und schon gelangt man zu jeder einsamen Bucht auf der kleinen Hauptinsel Tongatapu. Die Tongaer selbst finden das zwar recht seltsam und am\u00fcsieren sich \u00fcber die Palangi-Hitchhiker, fahren aber sogar gerne einen Umweg, nur um einen sicher ans Ziel zu bringen. Also keine falsche Scheu.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.google.com\/maps\/embed?pb=!1m18!1m12!1m3!1d7440.308468295733!2d-175.21386485!3d-21.18603115!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!3m3!1m2!1s0x71f4a31395b37ab7%3A0xc85008c21b698856!2sVeitongo%2C+Tonga!5e0!3m2!1sde!2snz!4v1422857636534\" width=\"750\" height=\"375\" frameborder=\"0\" style=\"border:0\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tonga k\u00f6nnte so sein, wie es sich die alten Meister ertr\u00e4umt haben: ein Paradies in der S\u00fcdsee, wild und urspr\u00fcnglich, wie gemalt in satten Farben. Das ist Kolonial-Kitsch \u2013 aber nur fast.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6439,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1744],"tags":[1750,588,1748,1749,1959],"class_list":["post-6436","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-tonga","tag-bunt","tag-kunst","tag-paul-gaugin","tag-polynesien","tag-tonga","post-has-thumbnail"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6436","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6436"}],"version-history":[{"count":28,"href":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6436\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7092,"href":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6436\/revisions\/7092"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6439"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6436"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6436"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6436"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}