{"id":5181,"date":"2013-09-23T18:01:10","date_gmt":"2013-09-23T16:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pia-roeder.de\/?p=5181"},"modified":"2015-02-02T20:22:04","modified_gmt":"2015-02-02T07:22:04","slug":"fauxpas-in-palaestina","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/fauxpas-in-palaestina\/","title":{"rendered":"Fauxpas in Pal\u00e4stina"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWillst Du mich wie einen Schlappschwanz dastehen lassen\u201c, br\u00fcllt er mich an. \u201eIch lass mir doch nichts vorschreiben\u201c, denke ich zur\u00fcck. Was man als patente Frau im Westjordanland alles falsch machen kann.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es ist schon eine Weile her, dass ich die Pal\u00e4stinensischen Gebiete besucht habe. Das war Februar 2012 w\u00e4hrend meiner Reise durch Israel. Damals gab\u2019s einen Vorfall. Okay, das klingt jetzt etwas zu dramatisch. Sagen wir, etwas ist mir seitdem im Ged\u00e4chtnis geblieben \u2026<\/p>\n<p>Ich bin nicht alleine unterwegs. Mich begleitet ein deutscher Ingenieur, weit gereist mit einiger Erfahrung mit den Sitten in arabischen L\u00e4ndern. Der ideale Gef\u00e4hrte also, um spontan von der Altstadt Jerusalems \u201er\u00fcber zu machen\u201c in die besetzten Gebiete.<\/p>\n<p>Fr\u00fch morgens treffen wir uns am Busbahnhof am Damaskustor. Die Fahrt nach Bethlehem dauert keine 20 Minuten. Im Bus schwatzen \u00e4ltere muslimische Frauen leise miteinander. Ein paar Arbeiter d\u00f6sen, ihre K\u00f6pfe dotzen bei jedem Schlagloch an die Fensterscheiben. Die Passkontrolle an der Mauer \u2013 viel massiver und erdr\u00fcckender die in Berlin \u2013 verl\u00e4uft ohne Zwischenf\u00e4lle. Wir sind drin.<\/p>\n<p>Bethlehem, das ist West Bank light, was f\u00fcr die Touris. Saubere Stra\u00dfen, Souvenir-St\u00e4nde auf dem Platz vor der Geburtskirche, viele deutsche Paare um die 40 \u2013 er im obligatorischen schwarzen Jack-Wolfskin-Windbreaker, sie tr\u00e4gt das Damenmodell in lila. Die Fassaden sind sauber, die Menschen freundlich, wenn auch religi\u00f6s etwas fragw\u00fcrdig. Gerade die Besucher aus den Vereinigten Staaten mit ihren Aschekreuzen auf der Stirn. Aber ich mische mich da nicht ein.<\/p>\n<p>Ein Taxi bringt uns zur Mauer, zu den Graffitis \u2013 Wandbilder, einst gesprayt mit Pathos, jetzt von den Abgasen ganz grau vor Resignation. Wir knipsen ein paar Bilder, lassen uns vor der Betonwand mit gestelltem L\u00e4cheln fotografieren. Das \u00fcbliche. Ich gehe alleine zur\u00fcck zum Auto und setze mich vorne neben den Taxifahrer. Der schaut irritiert. Als meine Begleitung auch zur\u00fcckkehrt, versteht der die Welt nicht mehr. Ob ich ihn wie einen Schlappschwanz dastehen lassen wolle, fragt er mich. Nein \u2026 aber \u2026 meine linke Augenbraue wandert Richtung Haaransatz. Er erkl\u00e4rt mir recht bestimmt, dass hier im Auto der Mann vorne sitzt, Frauen nehmen hinten Platz. Und einfach mal locker mit dem Fahrer quatschen, ist auch nicht. Ich tue sein Gerede als das eines Kerls mit schlappem Schwanz ab und bleibe vorne sitzen. So.<\/p>\n<p>In Hebron, eine halbe Stunde Busfahrt weiter s\u00fcdlich, mache ich gendertechnisch auch alles falsch. Ich trage keine Kopftuch, daf\u00fcr aber Hosen. Ich gehe zu schnell, und ich frage Passanten forsch nach dem Weg. Da kaum Frauen auf der Stra\u00dfe unterwegs sind, spreche ich zwangsl\u00e4ufig M\u00e4nner an. Einer, klein und hager mit m\u00fcden Augen, stammelt ein paar englische Brocken. Ich hake nach, er wird sichtlich nerv\u00f6s. Dann zerrt mich mein Begleiter weg. Erstens: Ich k\u00f6nne nicht einfach drei Schritte vor ihm laufen, eine Frau l\u00e4uft hier hinter dem Mann. Und zweitens spreche eine Frau nicht einfach wildfremde M\u00e4nner auf der Stra\u00dfe an. Das geh\u00f6re sich nicht.<\/p>\n<p>Was sich nicht geh\u00f6rt, denke ich mir, ist mich in meiner Selbstbestimmtheit zu beschneiden. Nat\u00fcrlich denke ich das nicht wortw\u00f6rtlich. Meine Gedanken folgen ja nicht Alice Schwarzers Kugelschreiber, wenn sie Phrasen f\u00fcr die n\u00e4chste ARD-Talkrunde in ihr lila Notizbuch kritzelt. Eigentlich denke ich mir \u201eF*** dich halt mal mit deinem Machogelaber\u201c. Der Rest des Tages schweigen wir.<\/p>\n<p>Jetzt, fast zwei Jahre nach dieser Reise, muss ich noch immer an diese Situationen denken. Eigentlich hatte mein Begleiter ja recht. Wenn man ein fremdes Land besucht, muss man sich den Sitten und Gepflogenheiten dort anpassen, muss man sensibel sein f\u00fcr die Kultur, die so anders ist als die zuhause.<\/p>\n<p>Muss man? Oder soll man, gerade wenn man fremd ist, das auch zeigen und so rechtfertigen, dass man sich nicht an die Regel halten kann, weil man sie schlichtweg nicht kennt?<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.google.com\/maps\/embed?pb=!1m14!1m8!1m3!1d870577.611345459!2d35.099826!3d31.532569000000002!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!3m3!1m2!1s0x1502e427ecc463fb%3A0xbe464d5c6a2f134c!2sHebron!5e0!3m2!1sde!2snz!4v1422861401786\" width=\"750\" height=\"375\" frameborder=\"0\" style=\"border:0\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWillst Du mich wie einen Schlappschwanz dastehen lassen\u201c, br\u00fcllt er mich an. \u201eIch lass mir doch nichts vorschreiben\u201c, denke ich zur\u00fcck. 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