{"id":5053,"date":"2013-07-11T13:26:21","date_gmt":"2013-07-11T01:26:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pia-roeder.de\/?p=5053"},"modified":"2014-08-05T03:47:49","modified_gmt":"2014-08-04T15:47:49","slug":"nummer-3882-war-jude-in-odessa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/nummer-3882-war-jude-in-odessa\/","title":{"rendered":"Nummer 3882 war Jude in Odessa"},"content":{"rendered":"<h3>Odessa: km 3190<\/h3>\n<p>Mit dem ersten Luftzug sauge ich eine ganze Stadt in mich hinein und ich wei\u00df, dass sie schon immer Teil von mir war. Odessa ist das emotionale Ziel meiner Reise durch den Osten. Die Stadt ist die erste Etappe, die ich ganz alleine genie\u00dfen darf. Keine Freunde, die ich besuche, keine Couch. Einfach \u2026 Ruhe.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich wache allein im Hostel-Zimmer auf. Die Sonne scheint auf die rosa-gebl\u00fcmte Decke, Tauben gurren, die laue Fr\u00fchlingsluft zieht durch das Fenster und es stinkt nach Katzenschei\u00dfe. Ganz Odessa riecht danach: Das Treppenhaus, die Hinterh\u00f6fe, die Busse. Ich liebe diese Stadt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.pia-roeder.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/odessa2.jpg\"><img decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.pia-roeder.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/odessa2.jpg\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es ist Montagmorgen, 9:42 Uhr. Ich bin bester Dinge und ich habe einen guten Grund, hier zu sein. Den Besten. Ich geh auf Ahnensuche. Meine Vorfahren sind vor 100 Jahren von hier auf nach Buenos Aires aufgebrochen. J\u00fcdische Russen mit dem Drang nach Freiheit und einem neuen Leben. Das gleiche unstete Blut, das heute in meinen Adern flie\u00dft und mich immer wieder zwingt, aufzubrechen. Ich laufe die Preobrashens\u2019ka entlang. Noch einen Kaffee und einen Keks und los geht meine Reise in die Vergangenheit. Erster Stopp: Das J\u00fcdische Museum.<\/p>\n<h4>Das Museum<\/h4>\n<p>Nur ein kleines, schwarzes Klingelschild, netterweise beschriftet mit lateinischen Schriftzeichen, verr\u00e4t das Museum. Keine frischverputzte Fassade, keine imposante Eingangst\u00fcr, kein Hochsicherheitstrakt. Das alles hat nur das J\u00fcdische Kulturzentrum gegen\u00fcber. Eine r\u00e4udige Katze huscht mir durch die Beine und verkriecht sich hinter rostigen M\u00fclltonnen, Taubendreck und Federn wirbeln in der Luft. Ich laufe \u00fcber den staubigen Hof und sehe das schlichte Schild mit der Menora. Im Fenster sitzt ein Orthodoxer in Form einer lebensgro\u00dfen Stoffpuppe. In seinem Gesicht ein debil-drolliges Grinsen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.pia-roeder.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/odessa1.jpg\"><img decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.pia-roeder.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/odessa1.jpg\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p>Er hat ungemein \u00c4hnlichkeit mit dem Mann, der mir die T\u00fcr \u00f6ffnet. Chaim begr\u00fc\u00dft mich auf Hebr\u00e4isch und bitte mich hinein. Toda \u2013 danke. Mein Sprachsouvenir aus <a title=\"www.pia-roeder.de - Israel und Pal\u00e4stina\" href=\"http:\/\/www.pia-roeder.de\/category\/israel-und-palastina\" target=\"_blank\">Israel<\/a>. Sonst verstehe ich nichts. Ukrainisch? Niet. A little bit English. Perfect!<\/p>\n<p>Die Singer-N\u00e4hmaschine und das Kaffeeservice mit Goldrand in der Vitrine interessieren mich nicht. Ich will zu den Archiven, jenen B\u00fcchern, in denen die j\u00fcdischen Familien Odessas gelistet sind.<\/p>\n<p>Das sogenannte Archiv ist ein einfaches Buch in wei\u00dfem Einband. Kein alter Schm\u00f6ker mit verwitterten vergilbten Seiten. Darin soll ich noch woanders bl\u00e4ttern. Chaims Finger gleiten \u00fcber die Seiten, streifen die Registriernummern. \u201eWie hei\u00dft Dein Vater noch gleich?\u201c Nummer 3789, 3880, 3881, 3882. Da, ein Name in kyrillischer Schrift, der \u00fcbersetzt vertraut klingt. Mit der Nummer 3882 schickt mich Chaim zum Stadtarchiv.<\/p>\n<h4>Das Stadtarchiv<\/h4>\n<p>Alt und br\u00e4sig thront das wuchtige Geb\u00e4ude an der Zhukovskogo Ecke Katerynyns\u2018ka. Ein 100 Jahre alter grauer Klotz. Am Eingang sitzt ein runzliger Pf\u00f6rtner auf seiner durchgelegenen Pritsche. Aus dem verklebten Transiturradio knattern die 14 Uhr Nachrichten. Aufgeregt nestel ich an meinem Reisepass. Mehr als ein gleichg\u00fcltiges Nicken hat er daf\u00fcr nicht \u00fcbrig und winkt mich durch. So einfach gelangt man zur Geschichte Odessas.<\/p>\n<p>Cyrill leitet das Archiv, Abteilung Melderegister. Er ist ungef\u00e4hr mein Alter, vielleicht auch knapp \u00fcber 30. Sein H\u00e4ndedruck f\u00fchlt sich seltsam schwach ein. Er bittet mich hinein in sein B\u00fcro. Ein Raum mit hohen W\u00e4nden, verschalt mit grauen Spanplatten. Durch die kaputten quadratischen Fenster dringt sp\u00e4rlich Licht und Vogelgezwitscher. Von den S\u00e4ulen in der Mitte h\u00e4ngen schwere staubige Spinnenweben. Und bis zur Decke stapeln sich dicke W\u00e4lzer. Urkunden aus 200 Jahren Stadtgeschichte, die meisten an den Ecken verkohlt und von M\u00e4usen angefressen, nur zusammengehalten von ausgefransten Kordeln.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.pia-roeder.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/odessa3.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5069\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.pia-roeder.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/odessa3.jpg\" width=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.pia-roeder.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/odessa3.jpg 700w, https:\/\/www.pia-roeder.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/odessa3-300x214.jpg 300w, https:\/\/www.pia-roeder.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/odessa3-500x357.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Entlang des Korridors sitzen hinter Mauern dieser Schinken Menschen, konzentriert in Zeitlupe auf die Tastaturen entsetzlich lahmer C64-Computer tippen \u2013 in der Hoffnung, ihre Vergangenheit zu finden.<\/p>\n<p>Papierlos geht hier im Stadtarchiv nichts. Digital erst recht nicht. Meinen Antrag f\u00fcr eine Recherche im Archiv f\u00fcllt Cyrill per Hand auf, locht ihn und heftet ihn in einen speckigen Ordner. Der verschwindet unter dem Schreibtisch. Er selbst verschwindet auch und kommt mit dem dicksten aller Schinken zur\u00fcck. Seine H\u00e4nde wuchten das Werk auf den Tisch, bl\u00e4ttern in den Urkunden. Jetzt f\u00e4llt mir auf, was mich an seinem H\u00e4ndedruck irritiert hat. Zwei der vier Finger an seiner rechten Hand sind verkr\u00fcppelt.<\/p>\n<p>Wir finden Nummer 3882 im zweiten Drittel des Buchs. F\u00fcr eine Kopie muss ich einen weiteren Antrag ausf\u00fcllen, und bei der Bank gegen eine Quittung die Kopie bezahlen. Ich versumpfe in der Ukrainischen B\u00fcrokratie und bin weder Staatsb\u00fcrger noch kann ich die Sprache sprechen oder die Schrift lesen.<\/p>\n<h4>Das Haus<\/h4>\n<p>In den H\u00e4nden halte ich eine Urkunde meines vermeidlichen Vorfahren, wohnhaft 1915 in der Velyka Arnautska Nummer 34 am anderen Ende der Innenstadt. Etwa 15 Minuten entfernt. Auf meinem Weg komme ich an der Synagoge vorbei. Gerade ist Pause und die Tora-Sch\u00fcler sammeln sich um den Koscheren Imbiss \u201eHebron\u201c im Schatten der Synagoge. \u201eBist du J\u00fcdin\u201c, spricht mich einer an. Wei\u00dfes Hemd, schwarze Hosen, Schl\u00e4fenlocken, Kippa. Er ist keine 20 und sein Name \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 Schlomo. \u201eMein Vater ist Jude\u201c, antworte ich ihm. Er lacht. \u201eDann bist du also keine J\u00fcdin.\u201c Das habe ich bereits in Israel gelernt.<\/p>\n<p>Das Haus von Nummer 3882 sieht aus wie jedes andere im Zentrum Odessas: klassizistische Architektur, falb-farbener Putz, der von der Fassade br\u00f6ckelt, verstaubte Fenster ohne Gardinen, filigran geschmiedete Balkongel\u00e4nder. Im Erdgeschoss sind eine Apotheke und ein Imbiss eingezogen. Zur schweren schwarzen T\u00fcr f\u00fchren zwei ausgetretene Sandsteinstufen. Ich dr\u00fccke die Klinke hinunter. Der Eingang ist verschlossen. Kein Zugang zu einem weiteren der sch\u00f6nen Hinterh\u00f6fe Odessas. Dort wo eigentlich der Name auf dem Klingelschild geschrieben sein soll, klafft eine L\u00fccke, umrandet von rostigem Metall.<\/p>\n<p>Ich blicke nach oben. Zu nah. Ich wechsele die Stra\u00dfenseite und betrachte das Zuhause von Nummer 3882. Nichts unterscheidet es von den anderen H\u00e4usern Odessas. Mit ist es fremd. Hier habe ich\u00a0nie gelebt. Hier ist nicht mein Zuhause.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/pisaei\/9055258657\/\"><img decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/farm6.staticflickr.com\/5523\/9055258657_2bb504d57a_o.jpg\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p>Und doch: Ich liebe Odessa.<\/p>\n<p>[slickr-flickr tag=&#8220;odessa&#8220; items=&#8220;80&#8243; type=&#8220;gallery&#8220; id=&#8220;33787195@N06&#8243;]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><!--:de-->Mit dem ersten Luftzug sauge ich eine ganze Stadt in mich hinein und ich wei\u00df, dass sie schon immer Teil von mir war. Odessa ist das emotionale Ziel meiner Reise durch den Osten. Ich suche nach meinen Wurzeln.<!--:--><!--:en-->Mit dem ersten Luftzug sauge ich eine ganze Stadt in mich hinein und ich wei\u00df, dass sie schon immer Teil von mir war. Odessa ist das emotionale Ziel meiner Reise durch den Osten. 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