{"id":3210,"date":"2012-01-14T10:06:25","date_gmt":"2012-01-14T09:06:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pia-roeder.de\/?p=3210"},"modified":"2013-12-23T12:48:57","modified_gmt":"2013-12-23T11:48:57","slug":"mein-erster-sony","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/mein-erster-sony\/","title":{"rendered":"Mein erster Sony"},"content":{"rendered":"<p>Zu meinen Reisevorbereitungen geh\u00f6rt auch stets, mich in die Literatur des Landes einzulesen &#8211; quasi \u00fcber das geschriebe Wort die Kultur ein wenig kennenzulernen, in die ich eintauchen werde. Ein Buch wurde mir mit den Worten, es sei das &#8211; also DAS &#8211; Kultbuch f\u00fcr alle, die nach Israel reisen, ganz besonders ans Herz gelegt: <a title=\"Mein erster Sony - Benny Barbasch\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Mein-erster-Sony-Benny-Barbasch\/dp\/3548245544\">&#8222;Mein erster Sony&#8220; von Benny Barbasch<\/a>.<!--more--><\/p>\n<p>Tel Aviv in den sp\u00e4ten 80ern: Der zehnj\u00e4hrige Jotam hat von seinem Vater einen Sony Kassettenrekorder bekommen. Mit diesem Rekorder nimmt er alles auf, \u00fcber das in seinem Umfeld gesprochen wird. Und das ist viel. Sehr viel. Zum Beispiel taucht sein lausiger Vater oft auf, der zwar \u00e4u\u00dferst talentiert drei Kinder zeugte, seine Freizeit neben seinem Beruf als Drehbuchautor aber am liebsten zwischen den Beinen irgendwelcher &#8222;Tussis&#8220; verbringt, und nur in einem Anflug von memmiger Reue zu Hause aufkreuz. Jotam nimmt auch seine sehr temperamentvolle polnisch-argentinisch-j\u00fcdische Mutter Alma auf, die wegen ihres verschrobenen Gatten eigentlich nur am Zetern ist und Krisensitzungen mit ihren drei besten Freundinnen abh\u00e4lt. Diese Treffen werden von Almas Mann &#8222;Schaschlikrat&#8220; genannt, da dort die Eier der verflossenen M\u00e4nner aufgespie\u00dft w\u00fcrden. Oh, und dann w\u00e4ren noch die Gro\u00dfeltern, die nat\u00fcrlich das Holocaust-Trauma zu verarbeiten haben, und Jotams Geschwister Nama und Sauli, die den ganzen Trubel auch nicht so recht verstehen.<\/p>\n<p>Eine Kostprobe:<\/p>\n<p><em>&#8222;Sie [Mutter Alma] rief an und lud SOS ein, denn sie sei in einer Notlage, und sie [ihre Freundinnen] versprachen ihr, sich unverz\u00fcglich einzufinden, und wirklich tanzten sie in K\u00fcrze an, Maja mit einer Flasche Tequila, Amalia mit Windbeuteln und K\u00e4sekuchen aus der Konditorei Lewana, nach denen Mutter verr\u00fcckt war, und Orit mit Herschey&#8217;s Chocolate, die ihr Mann ihr regelm\u00e4\u00dfig aus New York mitbrachte, denn er ist Pilot bei El Al, und die Gruppe ist verr\u00fcckt nach dieser Schokolade, und kohlenhydratreiche Kost ist Amalias Geheimrezept f\u00fcr Notlagen, denn es ist bekannt, dass die beste Medizin gegen eine Depression, die ein Mann verursacht, eine Depression ist, die durch Gewichtszunahme ausgel\u00f6st wird, und Depressionen auf Grund von \u00dcbergewicht heben Depressionenen wegen M\u00e4nnern auf, wie Lebensgefahr die Schabbat-Gesetze aufhebt, weil man anf\u00e4ngt, sich mit der eigenen Person zu besch\u00e4ftigen anstatt mit ihm, und anstatt zu fragen, warum er gegangen ist und mit wem er gerade ins Nest steigt und wann er zur\u00fcck kommt und wie er mir das antun konnte, besch\u00e4ftigt man sich mit dem eigenen Gewicht und dem Fett an den Schenkeln und den Ringen, in die die Taille sich legt und mit Di\u00e4ten und Gymnastik und Schlankheitskuren und schwachsinnigen Videos von Jane Fonda, und am Ende bringt das Fett, das M\u00e4nner von den Frauen fernh\u00e4lt, Frauen sich selber n\u00e4her, bis sie reif sind f\u00fcr einen Neuen, und dann verschwindet das Fett wieder; &#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Dann geht es lange um Amalias Waage, die &#8222;Oh no&#8220; oder &#8222;You crashed me to death&#8220; von sich gibt, wenn Sie mal wieder zugenommen hat, und um die von Orit, die beim t\u00e4glichen Waagengang ebenfalls quietscht. Daraufhin sagt Orit jedes Mal, dass die Waage besser sei als ihr Mann, denn die Waage gebe wenigstens einen Kommentar ab, wenn man sie besteige. K\u00f6stlich&#8230;<\/p>\n<p>Habe diese Passage nat\u00fcrlich nur gew\u00e4hlt, weil sie ein sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr den Schreibstil von Barbasch ist: Alles ohne Kapiteleinteilung, ohne nennenswerte Abs\u00e4tze, ohne Punkt, daf\u00fcr aber mit verdammt vielen Kommata. Ein Roman wie ein 400-seitiger Bewusstseinstrom, in dem alle durcheinanderreden und logische zeitliche Abfolgen keinerlei Rolle spielen. ICH LIEBE ES. Genau so sieht es in meinem Kopf aus: Eine Million Gedanken, die wie zwei\u00a0Dutzend\u00a0Babyhamster in einer Pappschachtel \u00fcber-, unter- und nebeneinander herkriechen, gegen W\u00e4nde rennen, r\u00fccklings umplumsen und manchmal einfach so br\u00e4sig liegenbleiben, w\u00e4hrend die anderen \u00fcber sie trampeln, gegen W\u00e4nde rennen, r\u00fccklings um&#8230; ihr versteht, was ich meine.<\/p>\n<p>Wenn Israel tats\u00e4chlich so ist, wenn die Menschen so sind &#8211; so konfus, so unsortiert und aufgescheucht &#8211; \u00a0kann ich gar nicht sagen, wie sehr ich mich auf diese Reise freue!<\/p>\n<p>Oh, und ich sollte das mit dem Training f\u00fcr den Halbmarathon und die Schwimmerei vielleicht doch sein lassen und stattdessen mehr Schokoladenkuchen essen. Einfach wieder fett werden. Wie damals mit 15. Das waren sch\u00f6ne Zeiten.<\/p>\n<p><strong>Nachtrag (19.01.12): <\/strong>Ich habe dem Buch unrecht getan. Das passiert, wenn man voreilig eine Rezension \u00fcber ein Buch schreibt, das man noch gar nicht zu Ende gelesen hat. &#8222;Mein erster Sony&#8220; ist nicht prim\u00e4r auf absurde Weise urkomisch. Das Buch ist viel mehr eine Skizze der zerissenen und tieftraurigen Seele eines ganzen Volks.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu meinen Reisevorbereitungen geh\u00f6rt auch stets, mich in die Literatur des Landes einzulesen &#8211; quasi \u00fcber das geschriebe Wort die Kultur ein wenig kennenzulernen, in die ich eintauchen werde. 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