{"id":2416,"date":"2010-04-06T14:46:45","date_gmt":"2010-04-06T02:46:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pia-roeder.de\/?p=2416"},"modified":"2014-08-05T03:47:29","modified_gmt":"2014-08-04T15:47:29","slug":"aufstand-in-peru","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/aufstand-in-peru\/","title":{"rendered":"36 Stunden zwischen M\u00fcll und Sch\u00fcssen"},"content":{"rendered":"<p>Ostersonntag ist perfekt, um den Staat zu erpressen. Viele Menschen wollen zu oder weg von ihren Familien und sind auf den Autobahnen Per\u00fas unterwegs. Wenn man ein gew\u00f6hnlicher Minenarbeiter ist, unzufrieden mit seinen Arbeitsbedingungen \u2013 den niedrigen L\u00f6hnen, den fehlenden Sicherheitsstandards und dem Umstand, dass drei Kollegen in einer Mine in Arequipa umgekommen sind \u2013 dann ruft man seine paar hundert Kumpel zusammen und streikt. <strong><\/strong>Gemeinsam errichtet man kurzerhand morgens um vier eine Barrikade auf der Panamericana, der wichtigsten Nord-S\u00fcd-Verbindung S\u00fcdamerikas, kurz vor Chala auf dem halben Weg zwischen Arequipa und Lima.<\/p>\n<p>Was zun\u00e4chst nach einem kurzen Streik aussieht, dauert. Stunden. Es bildet sich ein Stau \u00fcber mehrere Dutzende Kilometer. Die Polizei ist recht schnell da, aber die Presse l\u00e4sst etwas auf sich warten. Die ist wichtig. Denn was bringt schon ein Protest, wenn keiner was davon mitbekommt?<\/p>\n<p>Die ersten beiden Stunden schlafen wir einfach. Der Tumult drau\u00dfen geht uns nichts an. Um acht gibt\u2019s Bordfr\u00fchst\u00fcck im Bus. Die Stimmung ist noch entspannt. Erst als die dr\u00fcckende Mittagshitze langsam \u00fcber die H\u00fcgel kriecht und sich immer noch nichts tut, werden einige ungeduldig. Das erste Kind quengelt.<\/p>\n<p>In der Ferne sehen wir die Hauptverkehrsstra\u00dfe von Chala, die einzige Verbindung nach Lima. Mittlerweile ist es elf. Menschen rotten sich zusammen, Armeefahrzeuge preschen ins Zentrum. Helikopter kreisen \u00fcber der Stadt. Sch\u00fcsse. Die Ersten k\u00e4mpfen sich mit Sack und Pack zu Fu\u00df Richtung S\u00fcden, auf unserer Seite der Stadt. Ein alter Mann, der sein kleines K\u00e4tzchen in seiner Reisetasche mit sich tr\u00e4gt, berichtet von zwei Toten. Selbst gesehen habe er sie. Im Radio sprechen sie erst von sieben, dann von acht. Mehr Information gibt es nicht.<\/p>\n<p>Die Stimmung kippt und es passiert, was in Krisensituationen immer passiert: Menschen werden nerv\u00f6s und einer schwingt sich zum Anf\u00fchrer auf. In unserem Fall eine Frau um die vierzig im hellblauen Polo und mit str\u00e4hnigem Haar. Sie lamentiert laut, streitet sich mit LKW-Fahrern und sammelt Unterschriften von allen, die zur\u00fcck nach Arequipa wollen. Eine Fahrt von mehr als acht Stunden. Die andere H\u00e4lfte, so auch ich, denkt gar nicht daran umzudrehen. Wir wollen weiter.<\/p>\n<p>Der R\u00fcckweg ist dicht. Angeblich versperren Barrikaden in einigen Ortschaften hinter uns die Stra\u00dfen. Nach Lima sind es noch acht Stunden. Was dort los ist, wissen wir nicht. Nazca, rund zwei Stunden n\u00f6rdlich von Chala, soll auch dicht sein. Vielleicht aber auch nicht. Die ersten Frauen rufen unter Tr\u00e4nen die Polizei. Kinder seien im Bus, Schwangere.<\/p>\n<p>Wir fahren zur Sicherheit in ein nahegelegenes Restaurant in den Bergen. Laut einem Peruaner ein bekannter Umschlagplatz f\u00fcr Gold, das die Arbeiter schwarz aus den Minen holen. Rund 20 Reisebusse und dutzende Lastwagen warten schon dort. 1000 Menschen wollen Essen und trinken. Das Restaurant ist schnell ausverkauft. Um acht gibt es nichts mehr. Schlangestehen f\u00fcr ein bisschen Wasser.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen kehren viele Busse um \u2013 zur\u00fcck nach Arequipa. Zu unbest\u00e4ndig sei die Situation. Viele fahren mit, einige hoffen auf eine schnelle L\u00f6sung und bleiben. Angeblich sollen Regierungsgesandte kommen, die im besetzten Chala schnell Ordnung schaffen. So lange wollen wir nicht warten. Wir wollen weiter.<\/p>\n<p>Die Bewohner von Chala wittern gutes Geld und richten Shuttles ein. F\u00fcr 20 Sol transportieren sie Touristen, die nach Lima wollen, an eine sichere Stelle im Ort \u2013 gleich neben dem Friedhof.<\/p>\n<p>Ein Schweizer Entwicklungshelfer und ich nutzen die Chance und fahren mit. Wir laufen in Gluthitze durch die Stra\u00dfe Chalas, wo sich gestern noch w\u00fctende Arbeiter zusammengerottet haben und Sch\u00fcsse gefallen sind. Vorbei an ausgelaugten Protestlern, die auf zerfetzten Decken unter Lastwagen Schutz vor der brennenden Sonne suchen. Sie haben ihre blauen Mineros-Helme tief ins Gesicht gezogen. Ihre tr\u00fcben Augen spiegeln die Ersch\u00f6pfung der letzten 36 Stunden wieder. Der Geruch von verbranntem Gummi liegt in der Luft.<\/p>\n<p>Vor einem Lebensmittelladen sammelt sich ein Pulk derer, die noch nicht aufgegeben haben. \u201cMorgen ziehen wir nach Lima\u201d, ruft einer zu der Menge. Von der Regierung ist noch niemand gekommen. Zu unwichtig ist der kleine Ort, an dem gerade heute zuf\u00e4llig nichts mehr geht. Was mit den 200 Menschen in den Bergen passiert, die immer noch darauf warten, weiter zu kommen, interessieren nicht. Der Staat l\u00e4sst sich nicht so leicht erpressen.<\/p>\n<p><em>Wir hatten Gl\u00fcck und haben auf der anderen Seite von Charla einen Bus gefunden, der nach Lima umgekehrt ist. Mit 44 Stunden Versp\u00e4tung kommen wir in Lima an. Entgegen aller Behauptungen war unser Weg frei.<\/em><\/p>\n<p>[slickr-flickr tag=&#8220;Chala&#8220; items=&#8220;28&#8243; type=&#8220;gallery&#8220; id=&#8220;33787195@N06&#8243;]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ostersonntag ist perfekt, um den Staat zu erpressen. Viele Menschen wollen zu oder weg von ihren Familien und sind auf den Autobahnen Per\u00fas unterwegs. Wenn man ein gew\u00f6hnlicher Minenarbeiter ist, unzufrieden mit seinen Arbeitsbedingungen \u2013 den niedrigen L\u00f6hnen, den fehlenden Sicherheitsstandards und dem Umstand, dass drei Kollegen in einer Mine in Arequipa umgekommen sind \u2013 dann ruft man seine paar hundert Kumpel zusammen und streikt. 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