{"id":2131,"date":"2010-01-06T12:55:01","date_gmt":"2010-01-06T14:55:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pia-roeder.de\/?p=2131"},"modified":"2013-05-27T23:40:05","modified_gmt":"2013-05-27T21:40:05","slug":"estacion-5-das-bates-motel-von-bariloche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pia-roeder.de\/de\/estacion-5-das-bates-motel-von-bariloche\/","title":{"rendered":"Estaci\u00f3n 5: Bates Motel\/Bariloche"},"content":{"rendered":"<p>Das Grauen von Bariloche lauert hinter einem verwitterten Holztresen der \u201eHosteria Panoramico\u201c. Nur, dass hinter der Rezeption nicht der h\u00fcbsche Anthony Perkins steht, sondern ein Monster mit gelben Z\u00e4hnen. W\u00e4ren wir in Russland, hie\u00dfe der fette, teigige Kerl wom\u00f6glich Igor. Hier im S\u00fcdwesten Argentiniens nennen wir ihn H\u00e9ctor: gro\u00df, gewaltig, gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Schwei\u00df rinnt ihm an seinem Stiernacken hinab und sammelt sich im Kragen seines ausgewaschenen, blassblauen Pullovers, der sich \u00fcber seinen krummen Buckel spannt. Die vollen, fleischigen Lippen geben den Blick frei auf seine Kauleiste, schmutzig gelb von jahrzehnteealtem Zahnstein. \u201eSi, tenemos lugar\u201c presst er hervor und grapscht mit seinen Wurstfingern nach Stift und Papier.<\/p>\n<p>Das Hotel muss mal etwas hergemacht haben. Damals in den Sechzigern. Das wenige Licht, das sich an diesem an sich sonnigen Tag durch die milchigen Fenster k\u00e4mpft, wird von der dunklen Wandvert\u00e4felung geschluckt. Das bisschen Rauputz oberhalb der Bretter ist grau von vierzig Jahren Qualm.<\/p>\n<p>Es ist halb zehn und wir k\u00f6nnen noch nicht auf unser Zimmer. H\u00e9ctors Kumpanen m\u00fcssen es erst noch \u201eputzen\u201c. Ersch\u00f6pft nach 24 Stunden Busfahrt, lassen wir uns auf ein speckiges Sofa fallen. Das ockerfarbene, rissige Kunstleder quietscht unter dem Gewicht unserer Rucks\u00e4cke und Schaumstoff quillt aus den N\u00e4hten. Nein, das ist nicht die beste Absteige. 120 Peso f\u00fcr ein Doppelzimmer, ohne Fr\u00fchst\u00fcck, ohne Internet, ohne Kontakt zur Au\u00dfenwelt \u2013 zu viel. Egal, irgendwo m\u00fcssen wir schlafen.<\/p>\n<p>Durch die Lobby schlurfen alte Leute in Freizeitkleidung. Bereit zum Schiffchenfahren auf dem Nahual Huapi oder zum Aufstieg auf den Cerro Catedral  \u2013 was man nun einmal so macht in Argentiniens Outdoor-Paradies. Sie reden kaum und verschwinden so schnell, wie sie erschienen sind, wieder in den dunklen G\u00e4ngen des Hauses. Aus einer dunklen Ecke beobachtet uns eine Frau. Argentinierin, 35, vielleicht 40. Zu viel Schmuck, zu viel Make-up. Sie zieht hastig an ihrer Zigarette und tippt irgendwas in ihr Handy. Sie l\u00e4chelt freundlich, als uns H\u00e9ctor an ihr vorbei zu unserem Zimmer f\u00fchrt. Runter in den Keller.<\/p>\n<p>Die Luft riecht modrig und feucht. Hinter der Holzverkleidung wuchert der Schimmel. Es ist klamm und die K\u00e4lte des Fliesenbodens zieht durch die L\u00f6cher in meinen Schuhsohlen. H\u00e9ctor fummelt am Schloss der Zimmert\u00fcr und st\u00f6\u00dft sie mit einem Ruck auf. \u201eQue descanses\u201c. Sein Atem stinkt. Gracias.<\/p>\n<p>Sein Wunsch klingt wie Hohn. Die Lobby oben war einfach ungem\u00fctlich, aber das ganze braune Holz hier auf nur zehn Quadratmeter ist erdr\u00fcckend. Ein Sarg aus Eicherustikal. \u00dcber den Betten, bezogen mit braunen Tagesdecken, h\u00e4ngt der Kunstdruck einer Berglandschaft. K\u00f6nnten die Alpen sein. Oder die argentinische Schweiz. Das Licht hat im Laufe der Jahre die Rott\u00f6ne verschwinden lassen. Jetzt verschwimmt die kleine gemalte H\u00fctte mit dem Blau und Gr\u00fcn der Berge und des Sees.<\/p>\n<p>Das einzige Ger\u00e4usch hier unten ist das Tropfen des Wasserhahns im Bad \u2013 eine Nasszelle ohne Duschkabine. Die Brause h\u00e4ngt schlicht \u00fcber einem Abflussgitter im Boden. Darunter: Dunkel. Egal, es ist nur f\u00fcr eine Nacht. Jetzt raus an die Sonne.<\/p>\n<p>[slickr-flickr tag=&#8220;bariloche&#8220; items=&#8220;21&#8243; type=&#8220;gallery&#8220; id=&#8220;33787195@N06&#8243;]<\/p>\n<p>Wir kommen sp\u00e4t zur\u00fcck, nach Sonnenuntergang. Wir wollen so wenig Zeit wie m\u00f6glich in dem Verlies verbringen. Die alten Leute von heute Morgen sind weg, daf\u00fcr sitzen drei junge M\u00e4dchen am Tisch in der Eingangshalle. Sie rauchen, lachen, trinken Wein. Ein unwirklicher Kontrast zu der Gruft aus Holz und Moder. H\u00e9ctor ist nicht mehr da. Sein Vater \u00f6ffnet uns die T\u00fcr. Ein alter Mann mit wei\u00dfem Haar und \u00fcberraschend freundlichem Gesicht. H\u00e9ctor scheint nach der Mutter zu kommen. Von ihr muss er diesen starren Blick und den fleischigen Mund haben, aus dem pausenlos der Sabber zu rinnen scheint.<\/p>\n<p>Uns kommen Ideen aus alten Horrorfilmen in den Sinn. Vom geistig zur\u00fcckgebliebenen Sohn des Gro\u00dfgrundbesitzers, der nachts im Auftrag des Vaters im Keller  unschuldige Touristen in St\u00fccke hackt und an die Hunde verf\u00fcttert. Hunde gibt es in Bariloche genug. Wir haben Angst um die drei M\u00e4dels, die so unbek\u00fcmmert da sitzen. Und um uns.<\/p>\n<p>Der Versuch, das Unbehagen in unserer Kammer mit Wein zu bet\u00e4uben, scheitert. Wir schlafen unruhig. Aus Angst vor dem Axtm\u00f6rder und den Bettwanzen.<\/p>\n<p>Am Morgen danach ist die Welt drau\u00dfen wie immer: Die Sonne scheint durch die Ahornb\u00e4ume, die die Sicht auf den See versperren. Die frisch gest\u00e4rkten Bettlaken flattern auf der W\u00e4scheleine im Hinterhof und man kann entfernt den Stra\u00dfenl\u00e4rm aus der Altstadt h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Als wir mit unseren Rucks\u00e4cken wieder in der Lobby stehen, sind die M\u00e4dels vom Vorabend verschwunden. Die Frau mit der Zigarette sitzt am gleichen Platz wie gestern und beobachtet uns. H\u00e9ctor steht hinter dem Bretterverschlag und staubt konzentriert rote Plastikrosen ab.<\/p>\n<p>\u201eSuerte!\u201c, brummt er uns nach, als wir durch die T\u00fcr verschwinden. Er grinst. Und unter seinen fleischigen Lippen wuchert der gelbe Zahnstein. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Grauen von Bariloche lauert hinter einem verwitterten Holztresen der \u201eHosteria Panoramico\u201c. Nur, dass hinter der Rezeption nicht der h\u00fcbsche Anthony Perkins steht, sondern ein Monster mit gelben Z\u00e4hnen. W\u00e4ren wir in Russland, hie\u00dfe der fette, teigige Kerl wom\u00f6glich Igor. 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