Der Honey-Lemon-Vorfall

Eineinhalb Jahre hat es gedauert bis ich endlich darüber schreiben kann. Über das, was in einer eiskalten Mainacht in der kanadischen Wildnis geschehen ist. Der Schrecken steckt uns noch immer tief im Mark. Heute, endlich, kann ich offen sagen, was ich damals wie heute über die Geschehnisse denke.

Es war ein sau schöner Tag im Algonquin-Park, irgendwo im Nirgendwo zwischen Montreal und Toronto. Nichts als Seen, die im Sonnenlicht funkeln wie tausend Diamanten, achtlos verstreut auf einer blauen Decke*. Die Laubbäume sind noch kahl, vereinzelt traut sich das erste Frühjahrsgrün hervor.

Den ganzen Tag sind wir gepaddelt. Über durch dichtes Gras mäandernde Flüsse, entlang der Uferlinie kleiner Seen und einmal quer über den Happy Isle Lake. Auf halbem Weg watet direkt vor uns ein Elch durchs Wasser. Gigantische Kreatur. Nur nicht zu nahe kommen. Angeblich fressen winzige Würmer den armen Viechern das Hirn zu Alzheimer, was dazu führt, dass sie blöde vor Wahnsinn tumb auf alles treten, was sich bewegt. Das, zumindest, wurde uns so erzählt.

Am späten Nachmittag ziehen wir endlich unsere Boote über den rotbraunen Sand an Land. Unsere Bleibe für diese Nacht ist in etwa so groß wie ein halbes Fußballfeld. Kiefern recken sich in angenehmen Abstand voneinander aus weicher, schwarzer Erde. Unter unseren Sohlen knirschen trockene Nadeln. Ringsherum seichtes Wasser.

Wir sind bestens organisiert. Nach der ersten Woche Paddelurlaub haben wir Routine, sind ein eingespieltes Team: Zwei bauen Zelte und Sichtschutz um den Lokus auf, die anderen beiden kümmern sich um Feuerholz und Essen.

… und ganz wichtig: Bikini und Seele baumeln lassen.

Essen… sowieso das geilste an jedem Tag nach etlichen Stunden auf dem Wasser. Es gibt Linseneintopf mit Dosenfleisch, brauner Soße und Kartoffelbrei aus der Tüte – wie jeden zweiten Abend. Und es soll bis heute das Beste bleiben, was wir je gegessen haben. (Man darf es nur nicht in der heimischen Küche nachkochen und den gleichen Thrill erwarten. )

Es ist toll. Lagerfeuer, Stockbrot, Musik wie 2002 und quatschen bis uns vor Kälte die Nase läuft. Zeit unser Proviant zum Schutz vor neugierigen Bären in die Bäume zu hängen. Jeder noch so feine Geruch nach Essen weckt das Interesse der ungemütlichen Tiere und – zack – sind sie da. Nichts, wirklich gar nichts, nicht mal Zahnpasta, darf in der Nähe der Zelte liegen.

Eine Brise, die das letzte Licht des Tages mit sich nimmt, raschelt durch die Wipfel. Von irgendwoher kreischt ein Eistaucher. Wir schlüpften in die Zelte und eingerollt in unsere Schlafsäcke wie fette, satte Maden schlafen wir zufrieden ein.

Es muss so gegen ein Uhr sein als Clenn** aus dem Zelt stürzt, den Schlafsack noch um die Beine gewickelt, kurz davor bäuchlings auf den frostigen Boden zu knallen. Er kann sich gerade noch fangen, strampelt sich frei und rennt um die Zelte mit weit ausgebreiteten Armen. Was folgt, ist ein tiefes, langes Grollen, das zu einem markerschütternden Schrei wächst. „Bär! Bääär! Scheiße man!“ Irgendwas rennt durchs Unterholz, weg von uns. Schritte schmatzen durch schlammiges Wasser. Dann ist es still.

Zugegeben, ich habe ihn nicht ernst genommen. „Leg dich hin! Daheim wird ja auch kein Gedöns wegen einer Wildsau gemacht! Das ist auch nichts anderes“, blaffe ich rammdösig und schlaftrunken. Doch er beruhigt sich nicht. Keiner von uns schläft in dieser Nacht. Keiner verlässt das Zelt, egal wie sehr die Blase drückt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit hören wir die ersten Vögel. Mit der frischen Brise kommt das Licht zurück, und wir trauen uns wieder raus.

Zu sehen: nichts. Keine aufgerissene Zeltplane, keine geplünderten Vorräte, die über die Insel verstreut sind. Aber Spuren von Pfoten? Vielleicht. Ein Trampelpfad durchs Dickicht zum Wasser. War das gestern schon da? Wir sprechen wenig, gehen unserer Routine nach. Katzenwäsche, Zelt ausräumen, Geschirr spülen, Schlafsack ausschütteln…

Schlafsack. Ausschütteln.

Clenn kramt und wühlt im Zelt, zieht sein Bettzeug heraus, und aus seinem Nachtlager purzelt ganz harmlos ein Blister Honey-Lemon-Bonbons. Schön aufgebrochen. Eins, zwei davon landen im schwarzen Dreck. Der feine Duft von Honig und Zitrone steigt uns in die Nase, und unsere Gesichtszüge rutschen einige Etage tiefer.

Damals wie heute denke ich dasselbe über diese Nacht. Vielleicht hab ich es bereits damals laut gesagt. Wenn es so war… nun, ich kann es nicht leugnen:

Clenn, du dummer Mongo! 😜


* Die Zeile stammt leider nicht von mir. Alles Schöne wurde schon mal besungen.
** Name zur Demonstration unfassbarer Dummheit nicht geändert.***
*** Aber schöne Bilder kann er machen. Alle zu diesem Beitrag sind von ihm. Danke Clenn 😘

3 thoughts on “Der Honey-Lemon-Vorfall

  1. IngoS

    Schöne kurzweilige Geschichte, Klingt nach einer relaxten Reise mit einem Hauch Abenteuer.

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  2. Ralf

    Hallo Pia,
    Schön das es gut ausgegangen ist.

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  3. Gabi Giebenhain

    Das ist wirklich schön geschrieben.
    Darüber könnt ihr in 50Jahren noch lachen und die Schiss des Moments spüren!

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