Mein erster Sony

Zu meinen Reisevorbereitungen gehört auch stets, mich in die Literatur des Landes einzulesen – quasi über das geschriebe Wort die Kultur ein wenig kennenzulernen, in die ich eintauchen werde. Ein Buch wurde mir mit den Worten, es sei das – also DAS – Kultbuch für alle, die nach Israel reisen, ganz besonders ans Herz gelegt: „Mein erster Sony“ von Benny Barbasch.

Tel Aviv in den späten 80ern: Der zehnjährige Jotam hat von seinem Vater einen Sony Kassettenrekorder bekommen. Mit diesem Rekorder nimmt er alles auf, über das in seinem Umfeld gesprochen wird. Und das ist viel. Sehr viel. Zum Beispiel taucht sein lausiger Vater oft auf, der zwar äußerst talentiert drei Kinder zeugte, seine Freizeit neben seinem Beruf als Drehbuchautor aber am liebsten zwischen den Beinen irgendwelcher „Tussis“ verbringt, und nur in einem Anflug von memmiger Reue zu Hause aufkreuz. Jotam nimmt auch seine sehr temperamentvolle polnisch-argentinisch-jüdische Mutter Alma auf, die wegen ihres verschrobenen Gatten eigentlich nur am Zetern ist und Krisensitzungen mit ihren drei besten Freundinnen abhält. Diese Treffen werden von Almas Mann „Schaschlikrat“ genannt, da dort die Eier der verflossenen Männer aufgespießt würden. Oh, und dann wären noch die Großeltern, die natürlich das Holocaust-Trauma zu verarbeiten haben, und Jotams Geschwister Nama und Sauli, die den ganzen Trubel auch nicht so recht verstehen.

Eine Kostprobe:

„Sie [Mutter Alma] rief an und lud SOS ein, denn sie sei in einer Notlage, und sie [ihre Freundinnen] versprachen ihr, sich unverzüglich einzufinden, und wirklich tanzten sie in Kürze an, Maja mit einer Flasche Tequila, Amalia mit Windbeuteln und Käsekuchen aus der Konditorei Lewana, nach denen Mutter verrückt war, und Orit mit Herschey’s Chocolate, die ihr Mann ihr regelmäßig aus New York mitbrachte, denn er ist Pilot bei El Al, und die Gruppe ist verrückt nach dieser Schokolade, und kohlenhydratreiche Kost ist Amalias Geheimrezept für Notlagen, denn es ist bekannt, dass die beste Medizin gegen eine Depression, die ein Mann verursacht, eine Depression ist, die durch Gewichtszunahme ausgelöst wird, und Depressionen auf Grund von Übergewicht heben Depressionenen wegen Männern auf, wie Lebensgefahr die Schabbat-Gesetze aufhebt, weil man anfängt, sich mit der eigenen Person zu beschäftigen anstatt mit ihm, und anstatt zu fragen, warum er gegangen ist und mit wem er gerade ins Nest steigt und wann er zurück kommt und wie er mir das antun konnte, beschäftigt man sich mit dem eigenen Gewicht und dem Fett an den Schenkeln und den Ringen, in die die Taille sich legt und mit Diäten und Gymnastik und Schlankheitskuren und schwachsinnigen Videos von Jane Fonda, und am Ende bringt das Fett, das Männer von den Frauen fernhält, Frauen sich selber näher, bis sie reif sind für einen Neuen, und dann verschwindet das Fett wieder; …“

Dann geht es lange um Amalias Waage, die „Oh no“ oder „You crashed me to death“ von sich gibt, wenn Sie mal wieder zugenommen hat, und um die von Orit, die beim täglichen Waagengang ebenfalls quietscht. Daraufhin sagt Orit jedes Mal, dass die Waage besser sei als ihr Mann, denn die Waage gebe wenigstens einen Kommentar ab, wenn man sie besteige. Köstlich…

Habe diese Passage natürlich nur gewählt, weil sie ein schönes Beispiel für den Schreibstil von Barbasch ist: Alles ohne Kapiteleinteilung, ohne nennenswerte Absätze, ohne Punkt, dafür aber mit verdammt vielen Kommata. Ein Roman wie ein 400-seitiger Bewusstseinstrom, in dem alle durcheinanderreden und logische zeitliche Abfolgen keinerlei Rolle spielen. ICH LIEBE ES. Genau so sieht es in meinem Kopf aus: Eine Million Gedanken, die wie zwei Dutzend Babyhamster in einer Pappschachtel über-, unter- und nebeneinander herkriechen, gegen Wände rennen, rücklings umplumsen und manchmal einfach so bräsig liegenbleiben, während die anderen über sie trampeln, gegen Wände rennen, rücklings um… ihr versteht, was ich meine.

Wenn Israel tatsächlich so ist, wenn die Menschen so sind – so konfus, so unsortiert und aufgescheucht –  kann ich gar nicht sagen, wie sehr ich mich auf diese Reise freue!

Oh, und ich sollte das mit dem Training für den Halbmarathon und die Schwimmerei vielleicht doch sein lassen und stattdessen mehr Schokoladenkuchen essen. Einfach wieder fett werden. Wie damals mit 15. Das waren schöne Zeiten.

Nachtrag (19.01.12): Ich habe dem Buch unrecht getan. Das passiert, wenn man voreilig eine Rezension über ein Buch schreibt, das man noch gar nicht zu Ende gelesen hat. „Mein erster Sony“ ist nicht primär auf absurde Weise urkomisch. Das Buch ist viel mehr eine Skizze der zerissenen und tieftraurigen Seele eines ganzen Volks.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.