“Hola, para tomar algo?!”

23. Januar 2010

Kellnern macht Spaß. Man muss es sich nur oft genug sagen.

Manchmal macht’s das auch wirklich. Gerade wenn viele Touristen unterwegs sind, die so gar kein Spanisch sprechen. Dann werd ich als multilinguales Zugpferdchen aus dem Stall gelassen und darf nach Herzenslust übersetzen. “Milanesa” heißt Schnitzel. Ja, das mögen die Mitteleuropäer. Nach Argentinien fahren, das gleiche essen wie zu Hause und dann von einer Deutschen bedient werden.

Und da die sich auch brav an die Reisetipps im Lonelyplanet halten und glauben, es sei normal, zehn Prozent Trinkgeld zu geben, kommt bei einer 700 Peso Rechnung (ja, manche Menschen versaufen an einem Abend meine Monatsmiete) 70 Euro Trinkgeld rum. Das ist natürlich die Ausnahme. Argentinier sind gescheiter und runden einfach zwei Peso auf. Das ist zwar schäbig für mich aber wer soll’s ihnen verdenken.

So als Ausländer, dem man das auch anhört, hat man einen “Och die is ja nicht von hier und hat hier niemanden… armes Ding”-Bonus. Dann gibt’s geringfügig mehr Trinkgeld und ein “Viel Glück hier und in deinem weiteren Leben” als Abschiedsgruß. Wurde unlängst sogar als Ukrainerin bezeichnet, was ja sogar zu einem Sechzehntel stimmt. Würde mir das in Deutschland passieren, wäre ich dennoch etwas pikiert.

Solang ich meinen Mund halte und einfach rumsteh, fall ich allerdings nicht als Fremdkörper auf. Dann seh ich so argentinisch aus, dass chilenische Touristen Fotos von mir machen und sich unendlich freuen, dass sie eine “echte” argentinische Kellnerin auf dem Bild haben. Dafür bekomm ich allerdings kein Geld. Sollte meinen Businessplan diesbezüglich mal optimieren.

Das einzige, was wirklich stinkt, ist die Tatsache, dass wir auf Kommission arbeiten. Das heißt: Wenn niemand an meinen Tischen sitzt, mach ich keinen Umsatz und verdien in Neun-Stunden-Schicht geschätzt… nüschte. Die Kellnerkonkurrenz schläft nicht und deshalb: niemals einfach nur rumstehen, sondern immer lächeln und im Sekundentakt Passanten zum Trinken überreden (“Para tomar algo?!”). Dann hört man wieder, dass ich eigentlich gar nicht von hier bin. Sondern eine Deutsch/Argentinierin mit einem Touch Ostblock. Armes Ding. Viel Glück.

búsqueda por trabajo con éxito

15. Januar 2010

Die Reise wurde aufgrund von finanziellen Engpässen vorübergehend unterbrochen.

Ich bleib für mindestens zwei Monate in Mendoza und hab sogar was zu tun hier. Es dauerte sechs Tage, 30 ausgedruckte Lebensläufe, (geschätzte) 35 Kilometer Fussweg durch die Innenstadt, (hoffentlich) sieben- bis neunzehntausend verbrannte Kilokalorien und ein halbes Paar Flip-Flops bis ich Arbeit gefunden habe.

Einmal was für den Lebenslauf, was erfahrungsgemäß kaum bis kein Geld bringt: Deutschlehrer im Spracheninstitut. Und dann werd ich nach fünf Jahren Pause wieder kellnern. War damals schon keine gute Idee.

Vielleicht bin ich aber einfach nur nicht so der Typ Thekenschlampe, dem es Freude bereitet, sackvolle Stammgäste nachts um halb eins vom Barhocker zu hieven, während diese mit letzter Kraft “noch`n Obstler” bestellen. Vielleicht kann ich besser mit Laufkundschaft und Touris, die fix was trinken und essen wollen und um zwölf is dann Sense. Man wird sehen. Gibt angeblich mehr als hundert Peso am Tag. 20 Euro. Und ich freu mich drüber!

Ach ja und meine kleine, geliebte Kamera ist heute im zarten Alter von sechs Jahren gestorben. Bilder gibt’s also leider vorerst keine mehr.

Estación 6: Mendoza… yo me quedo acá

11. Januar 2010

Erst mit einem Ösi Wein aus dem Tetrapack saufen und drei Tage später mit einem Franzosen in drei der besten Winzereien Argentiniens Wein verkosten. Das zeigt a) das Stilgefälle zwischen Frankreich und Österreich und b) wie vielseitig und unvorhersehbar Reisen doch sein kann.

Heute morgen zum Beispiel bin ich mit einem Katerkopf aufgewacht (zu viel süßes Babbbier und Erdbeerwein zum ausgezeichneten, toten, argentinischen Rind. Woah, ich mag Grillen !). Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich am Ende des Tages einen Job als Deutschlehrer inklusive Stube für die kommenden zwei Monate hier in Mendoza haben werde.

Ja, mir gefällt es hier in dieser Oase so verdammt gut, dass es mir eine Ehre ist für (zugegebenermaßen) wenig Geld die Sprache aller grossen Dichter und Denker unterm Volk zu verbreiten.

Und da man von Spass an der Freude allein nicht leben kann, hab ich meinen Lebenslauf in jedem verdammten Hostel und Hotel hier hinterlegt. Inklusive Hyatt. Ein bisschen grössenwahnsinnig darf man ab und an mal sein.

Vamos a ver… Und nun: die (meiner Meinung nach) schönste Stadt Argentiniens in Bildern. (Zum ganzen Album)

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Estación 5: Bates Motel/Bariloche

06. Januar 2010

Das Grauen von Bariloche lauert hinter einem verwitterten Holztresen der Rezeption der “Hosteria Panoramico”. Nur, dass hinter dem Bretterverschlag nicht ein hübscher Anthony Perkins steht, sondern ein Monstrum mit gelben Zähnen.

Wären wir in Russland, hieße der teigige, fette Kerl womöglich Igor. In Argentinien nennen wir ihn Héctor: Gross, gewaltig, gefährlich.

Schweiss rinnt ihm an seinem Stiernacken hinab und sammelt sich im Kragen seines ausgeswaschenen, blassblauen Pullovers, der sich verzweifelt vor dem Bersten wehrt. Hinten zeichnet sich ein Buckel ab. Die vollen, fleischigen Lippen sind leicht geöffnet und geben den Blick frei auf eine gelbe Kauleiste, überwuchert von jahrealtem Zahnstein. “Si, tenemos lugar” presst er hervor und grabscht mit seinen Wurstfingern nach Stift und Papier.

Das Hotel muss mal etwas hergemacht haben. Damals in den 60ern, als hier die Zeit stehen blieb. Das wenige Licht, das an diesem an sich sonnigen Tag durch die milchigen Fenster fällt, wird von der dunklen Holzvertäfelung geschluckt, die alle Wände überzieht. Das bisschen Rauputz oberhalb der Bretter ist nikotingelb von vierzig Jahren Qualm.

Es ist halb zehn und wir können noch nicht auf unser Zimmer. Héctors Kumpanen müssen es erst noch “putzen”. Erschöpft nach 24 Stunden Busfahrt lassen wir uns auf ein speckiges Sofa fallen. Das ockerfarbene, rissige  Kunstleder  quietscht unter dem Gewicht der Rucksäcke und Schaumstoff quillt aus den Nähten. Nein, das ist nicht die beste Absteige. 120 Peso für ein Doppelzimmer, ohne Frühstuck, ohne Internet, ohne Kontakt zur Aussenwelt. Egal, irgendwo müssen wir schlafen.

Durch die Lobby schleichen alte Leute in Freizeitkleidung. Sie reden kaum und verschwinden so schnell wie sie erschienen sind wieder in den dunken Gängen, die ins Hinterhaus führen. Aus der hinteren Ecke des Raumes beobabachtet uns eine Frau. 35, vielleicht 40. Zu viel Schmuck, zu viel Make-up. Sie zieht hastig an ihrer Zigarette und tippt irgendwas in ihr Handy. Sie lächelt freundlich als uns Héctor an ihr vorbei zu unserem Zimmer führt, runter in den Keller.

Die Luft riecht modrig und feucht. Hinter der Holzverkleidung wuchert wahrscheinlich der Schimmel. Es ist klamm und die Kälte des Fliesenbodens zieht durch die Löcher in meine Schuhsohlen. Héctor friemelt am schiefen Schloss der Zimmertür herum und stößt sie mit einem Ruck auf. “Que descanses”. Gracias.

Der Wunsch klingt wie Hohn. Die Lobby oben war einfach ungemütlich, aber das ganze braune Holz auf nur zehn Quadratmeter ist erdrückend. Ein Sarg aus Eicherustikal. Über den Betten, bezogen mit braunen Tagesdecken, hängt der Kunstdruck einer Berglandschaft. Könnten die Alpen sein. Oder die argentinische Schweiz, wo wir uns gerade befinden. Das Licht hat im Laufe der Jahre die Rottöne verschwinden lassen. Jetzt verschwimmt die kleine Hütte mit dem Blau und Grüen der Berge und der Seen.

Das einzige Geräusch hier unten ist das Tropfen des Wasserhahns im Bad – eine Nasszelle ohne Duschkabine. Die Brause hängt schlicht über einem Abflussgitter im Boden. Egal, es ist nur für eine Nacht. Jetzt raus an die Sonne.

Wir kommen spät zurück, nach Sonnenuntergang. Wir wollen so wenig Zeit wie möglich in dem Verlies verbringen. Die alten Leute von heute Morgen sind weg, dafür sitzen drei Junge Mädchen am Tisch in der Eingangshalle. Sie rauchen, lachen, trinken Wein. Ein unwirklicher Kontrast zu der Hölle aus Holz und Moder. Héctor ist nicht mehr da. Sein Vater öffnet uns die Tür. Ein alter Mann mit weissem Haar und überraschend freundlichem Gesicht. Héctor scheint nach der Mutter zu kommen. Von ihr muss er diesen starren Blick und den fleischigen Mund haben, aus dem pausenlos der Sabber zu rinnen scheint.

Uns kommen Ideen aus alten Horrorfilmen in den Sinn. Vom geistig zurückgebliebenen Sohn des Grossgrundbesitzers, der nachts im Auftrag des Vaters unschuldige Touristen mit Axt und Keule den Gar ausmacht, im gefließten Kellerverliess in Stücke hackt und an die Hunde verfüttert. Hunde gibt es in Bariloche genug. Wir haben Angst um die drei Mädels, die so unbekümmert da sitzen. Und um uns.

Der Versuch, das Unbehagen in unserer Kammer mit Wein zu betäuben, scheitert. Wir schlafen unruhig aus Angst vor dem Axtmörder und den Bettwanzen, die in der Schaumstoffmatratze lauern.

Am Morgen danach ist die Welt draußen wie immer: Die Sonne scheint durch die Ahornbäume, die die Sicht auf den See versperren. Die frischgestärkten Bettlaken flattern auf der Wäscheleine im Hinterhof und man kann entfernt den Strassenlärm aus der Altstadt des kleinen Andenorts hören.

Als wir mit unseren Rucksäcken wieder in der Lobby stehen, sind die Mädels vom Vorabend verschwunden. Die Frau mit der Zigarette sitzt am gleichen Platz wie gestern und beobachtet uns wieder. Héctor steht hinter dem Bretterverschlag und staubt konzentriert rote Plastikrosen ab.

“Suerte!” ruft er uns nach als wir gehen wollen. Er grinst. Und unter seinen fleischigen Lippen wuchert immer noch der gelbe Zahnstein.

Estación 4: El Calafate/Perito Moreno

06. Januar 2010

Es ist zwar schon wieder eine Woche her, dass ich am Perito Moreno Gletscher war, aber bin erst jetzt zum Bilder hochladen gekommmen. War eh nur ein kurzer Zwischenstopp und deshalb der Vollständigkeit halber:

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