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Jun 19 10

Ich höre Stimmen…

by Pia

Wieder in Deutschland und klar muss man sich nach einer gewissen Zeit im Ausland irgendwie wieder auf Gewohntes umstellen: Öffentlicher Nahverkehr fährt pünktlich, alles ist teurer, es gibt rund um die Uhr fast überall Döner, Bier schmeckt.

Nur habe ich noch mit einer Sache zu kämpfen, von der ich eigentlich dachte, dass sie mit einer Selbstverständlichkeit zu meistern ist. Ich habe nicht mal in Erwägung gezogen, dass das ein Problem werden könnte: Jeder spricht Deutsch!

Und das ist anstrengend wenn man sich nach vielen Monaten in spanischsprechenden Ländern wieder in einer deutschen Fußgängerzone bewegt oder wahnsinnigerweise zum public viewen geht. Plötzlich kann ich Gespräche, die mich gar nichts angehen, nicht mehr ausblenden. Überall plappert und schwatzt es. An Bushaltestellen, in Geschäften, auf dem Damenklo. “Haste gehört…” “Noch zwa Milschweck…” “Die sind doch schon lang nicht mehr…” Gespräche, die die ich aber mit anhören muss, einfach weil ich einwandfrei verstehe, was gesprochen wird.

Totale Reizüberflutung. Nach zwei Stunden im recht überschaubaren Darmstadt war Sense. Zu viele Beta-Information, die die Gehirnwindungen verstopft. Merke: Langsam vortasten und peu à peu die Anzahl der Gesprächspartner und Menschen um einen herum erhöhen, bevor man sich in “Großstädte” wagt.

Jun 17 10

Zu Hause

by Pia

Ich seh mich momentan außerstande zusammenhängende, sinnvolle und gutklingende Sätze zu verfassen. Deshalb gibts das Zuhause in Stichpunkten:

WM, Papierkram, Rasen mähen, Sonne genießen, Regen genießen, WM, Äppler, Grie Soß mit Salzkadoffel, Katze streicheln, schlafen, WM, Berge von Wäsche, ausmisten, Wohnungssuche, WM, Autofahren, bei jedem mal melden, gut fühlen, WM

Und himmlherrgott!! dauert das Bilderhochladen lang. Aber es ist vollbracht. Die letzten Fotos einer langen (Rück-)Reise:

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(Im Saint-Martin-Album sind auch noch einige neue dazu gekommen…)

Jun 7 10

24 Tage auf dem Atlantik

by Pia

Ich will Hochseesegeln mal so beschreiben: Stellt Euch vor, jemand bindet Euch ganz nah hinter dem Tornetz auf einem Fußballplatz fest. Dann kommt die Mannschaft und übt Elf-Meter-Schießen. Und das 24 Tage lang, 24 Stunden täglich, alle paar Sekunden volles Holz aufs Tor. Jedes Mal zuckt Ihr zusammen und denkt: “Scheiße, hoffentlich hält das Netz!” Dabei schüttelt man Euch die ganze Zeit durch, während Ihr versucht, trotz dem Geballere irgendwie zu schlafen. Das ist keine Freude.

Noch im Februar, als die Atlantiküberfahrt auf einem Segelboot noch eine fixe Idee war, hab ich meinen zukünftigen Kapitän gefragt was man denn eigentlich so macht während der ganzen Zeit. Jetzt weiß ich es: essen, schlafen und der Dinge harren. Essen und schlafen kann ich gut, nur Geduld und Müßiggang gehörten noch nie zu meinen großen Stärken. Fang ich das eine an, ist das nächste schon in Planung und das Dritte Vorhaben schon im Hinterkopf. Dann ist es besser, wenn das erste schon lange vorbei ist und ich zum nächsten Programmpunkt übergehen kann. Ich warte einfach nicht gerne. Da ist eine Reise in einem Segelboot, um von A nach B zu kommen, sicher nicht die beste Wahl. Gerade wenn A und B 2700 Meilen weit auseinander liegen und dazwischen einfach nichts außer Wasser, Wind und Wellen ist.

Und damit ist nicht zu spaßen. Wie oft dachte ich ans Aussteigen als sich draußen vier Meter hohe Wellen an der Bordwand gebrochen haben und das Wasser so gegen das Brückendeck schlugt, dass Regale einfach abgeräumt wurden und Gläser Zentimeter in die Höhe hüpften. Aber Aussteigen ist nicht. Man muss einfach durchhalten. Irgendwann hab ich während meinen nächtlichen Wachen nur noch auf das GPS-Gerät gestarrt und die Sekunden und Minuten gezählt, die wir gen Osten vorstießen.

Aber so sind ja nur die schlechten Tage. An den guten konnten wir Delphine beobachten, die immer mal wieder während unserer Reise auf eine Visite vorbei kamen und neugierig um das Boot gesprungen sind. Und die Flauten waren angenehm. Wir sind zwar mangels Wind  tagelang nicht voran gekommen, sind sogar nachts Meilen zurückgetrieben, aber es hat nicht geschaukelt und ich hatte nicht das Gefühl dauernd meinen Mageninhalt loszuwerden. Und ich war schwimmen, wo vielleicht sogar noch nie jemand schwimmen war (Position: N27°23′ W064°58′)

Planschen im Ozean

Was ich während der 24 Tage gelernt habe:
- ich bin keine Seefrau
- ich kann nicht rudern
- ansatzweise Wetterkarten lesen
- ein paar Seemannsknoten (aber nur aus einem Blickwinkel. Sobald was verdreht ist, kriegt das mein Kopf schon wieder nicht mehr hin)
- Segel flicken
- ich kann auf See genau so wenig Kuchen backen wie zu Hause unter Normalbedingungen
- auch mit 25 kommt es vor, dass man dank Seegang nicht mehr ohne Probleme eine zweistufige Treppe hochkommt
- Nähen könnte ein neues Hobby werden.
- Nach sieben Tagen ohne Haare waschen, braucht man kein Haarband, um sich einen Zopf zu machen
- und vielleicht das Wichtigste – ich habe zumindest ein wenig gelernt: Umstände, an denen ich nichts ändern kann, einfach hinzunehmen. Und an der Wetterküche auf dem Atlantik kann man einfach in einem winzigen Segelboot garnix ändern.

Was ich indes vorher schon wusste:
Wenn man sich unwohl fühlt und die Möglichkeit hat, was an seiner Situation zu ändern, sollte man das tun.

In dem Sinne: Ich steig hier auf den Azoren aus und nehm den Flieger nach Hause. Wird auch langsam mal wieder Zeit. Man vermisst mich schmerzlich.

(Foto: Bernd M.)

Mai 11 10

Bye bye, BVI

by Pia

Wenn man in der Position ist, die Türkistöne des Wassers an der einen Insel für viel schöner zu befinden als an der anderen, dann macht man schon ganz schön dekadent Urlaub.

Wir sind gut eine Woche auf den British Virgin Islands und entspannt zwischen Virgin Gorda, der fetten Jungfrau im Osten, Richtung Jost van Dyke im Westen gesegelt. Dort am Green Cay ist dieses kitschige Foto links entstanden.

Johannes ist dafür extra todesmutig ohne Gurt auf die Mastspitze geklettert, nur um die komplette Internetgemeinschaft außerhalb der Karibik ganz arg neidisch zu machen. Bis auf einmal Geraderücken wurde an dem Bild nichts verändert. Farben, Wolken, kitschig einsames Boot: alles so gesehen. Und dazu stetig 29 Grad. Schrecklich.

Aber bald ist der Spaß vorbei. Das Boot ist klar; heute verlassen wir die Virgins und ziehen gen Nordosten. Nächster Halt: Azoren. Ich meld mich dann in etwa drei Wochen wieder. Dann gibts hoffentlich auch mal mehr Fotos aus der Kitschhölle hier. Alle mit freundlicher Genehmigung von Johannes, der einfach die bessere Kamera hat.

Joa, dann ma schüss, ne von Johannes, Bernd und mir (v.l.n.r.)
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Und man wünsche uns statt “Mast- und Schotbruch” bitte lieber “Immer eine Hand breit Wasser unterm Kiel”. Das findet unser Skipper positiver.

(Fotos: Johannes Lampelt)

Mai 4 10

Schlafen in der Achterbahn

by Pia

Wenn der Kapitän nachts um eins zu einem sagt: “Das wollte ich Euch eigentlich ersparen”, dann weiß man auch als Laie, dass die erste gemeinsame Nachtfahrt ungemütlicher als geplant verläuft.

Zwischen Saint Martin und den British Virgin Islands peitschen wir bei durchschnittlich sechs Windstärken und sieben Knoten gehn Westen. Spitzenwert in dieser Nacht: zwölfeinhalb Knoten, 80 Meilen in elf Stunden – sportlich.

Wenn der Mond zwischen den schweren, milchigen Wolken hervorlukt, sieht man die Urgewalt des Meeres, die ich bis dato noch unterschätzt hatte. Zwei Meter hohe Wellen heben und senken das Boot wie einen Fahrstuhl. Sollten sie zumindest in der Theorie. Doch auf unserem Weg ist der Meeresgrund so uneben – mal 100 mal 1000 Meter tief – dass die Wellen keinem Schema mehr gehorchen wollen und von allen Seiten kommen. Ein riesen Durcheinander auf See.

Und in der Koje dröhnt und röhrt es. Das Wasser klatscht an die Unterseite des Katamarans, die Wellen schieben von hinten, brechen an Steuerboard; Wasser schwappt durch die Luke an Board. Und es plätschert im Schrank. In dem Fall gilt auf See, was auch an Land gilt: Im Schrank hat gefälligst nix zu plätschern!! Tut’s auch nicht. Alles draußen, da wo man bei einem solchen Wind nicht hin will.

Aber Frischluft muss sein. Gerade wenn einem trotz stabiler Seitenlage in der Koje speiübel wird. Ein tiefer Atemzug an Deck und schon geht’s los. In den Eimer.

Stellt sich übrigens raus, dass Kotzen vor Publikum weniger peinlich ist, wenn alle Anwesenden nüchtern sind. Aber dennoch schade um den guten Couscous.

Apr 27 10

Der 2. Maat bloggt auch

by Pia

Will das spärtliche Internet mal nutzen, um darauf aufmerksam zu machen, dass wir hier auf dem Boot voll arg web2.0 sind und auch das andere eine Crewmitglied im echten Leben bloggt. Nur der Kapitän is n bissl oldschool und funkt die ganze Zeit.

Hier geht’s zum Online-Tagebuch des kletternden und finnischsprechenden Physikers Johannes, der auch auf dem Wasserweg wieder nach Hause will. Der weiß tolle Sachen wie zum Beispiel, dass Finnland neben Argentinien das einzige Land mit Tangokultur ist. Und er hat eine frischgedruckte SZ inklusive Magazin aus Deutschland mitgebracht. Der darf also bleiben.

Hier mal unsere Route mit geplanten Stops und Entfernungen (entnommen von seiner Website). Nur dass für mich der Endpunkt nicht Kiel, sondern (hoffentlich) Hamburg Landungsbrücken heißt. Einfach nur, weils so cool wär.

Klick zum Vergrößern
Atlantikroute

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