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Aug 31 10

Leben im Postkartenmotiv

von Pia

Da wären wir also in Unter/Über/Ober/Uld/wasweißich-ingen. Schön ist’s am Bodensee. Und so ruhig.

hört ihr?

nichts.

Die erste eigene Wohnung ist bezogen und entspricht exakt meinen Vorstellung. Sogar die viel zu lange verstauten Schnappschüsse, die während der wohl besten Zeit meines bisherigen Lebens im Jahr 2007 aufgenommen wurden, hängen bereits gut sichtbar vor meiner Nase, während ich dies hier schreibe.

Ich bin angekommen. Entsprechen begrüßt hat man mich auch schon. Hier gehören nämlich Vorurteile zur Regionalkultur und werden mit herzlichem Lächeln geäußert: “Hanoi, Frauen können nicht rückwärts fahren, gell”, sprach der Nachbar von gegenüber aus bärtigem Gesicht, als ich versucht habe, einen Drei-Tonnen-Möbeltransporter, den ich nicht mal 24 Stunden unter dem Hintern hatte, aus einer vollgeparkten Einfahrt zu manövrieren. Hat wirklich nicht so gut funktioniert, aber man muss ja nicht gleich… Aber ich will mal nicht nachtragend sein. Dafür ist es hier zu gemütlich.

Heute hat mich bereits meine erste kleine Radtour am Bodensee entlanggeführt. Das Wasser ist so klar, das man die Fischlein darin freudig tanzen sehen kann. Segelboote wiegen sich sanft im Wind. Mein Weg säumen üppige Apfelwiesen. Die  Spätsommersonne wärmt die roten Bäckchen der Früchte. Oberhalb liegt eine barrocke Wallfahrtskirche und blickt erhaben zu den Ausläufern der Schweizer Alpen, die ganz in der Fene auf der anderen Seite des Sees unter schweren Gewitterwolken verbleuen. Ich begegne Menschen, Urlaubern, Sommerfrischlern – zu Fuß oder wie ich auf dem Rad. Alle haben Ferien, kramen in ihren Rucksäcken und blinzeln durch ihre Sonnebrillen in den Süddeutschen Himmel während sie genüsslich in ihr Leberwurstbrot beißen. Und über all dem dreht lautlos ein Zeppelin seine Runden.

Hach.

Aug 22 10

Zum Tod Schlingensiefs

von Pia

Mit Christoph Schlingensief ist es so wie mit Helmut Newton. Als der vor ein paar Jahren gegen die Mauer gefahren ist und das nicht überlebt hat, war ich auch bestürzt. Bestürzt, weil ein Künstler gestorben ist, den ich faszinierend fand, von dem ich aber nichts wusste, allenfalls ein paar seiner berühmtesten Bilder kannte. Plötzlich war er nicht mehr da und hat eine Lücke hinterlassen.

Bei Schlingensief ist das jetzt genau so. Sicher, die jüngeren Werke wie den Parsifal in Bayreuth hab ich auch mitbekommen. Anderes, wie sein Bad mit hunderten Arbeitslosen im Wolfgangsee und seine Partei mit der er mit dem Slogan “Scheitern als Chance” in den Bundestag einziehen wollte: Nie davon gehört. War nicht meine Zeit. Jetzt ist Chrsitoph Schlingensief tot. Das find ich schlimm. So schlimm, dass es mir einen schönen, heißen Sommertag vermiest.

Ich bin kein Kunstmensch, kenne die Szene nicht, gehe nie in die Oper. Ab und zu ins Theater. Kunstausstellungen? Joa, wenn es sich ergibt, muss aber nicht. Warum mich sein Tod dennoch so betroffen macht? Schlingensief war für mich der letzte echte Punk in Deutschland. So steif und uninteressant unser Land auch geworden ist. Schlingensief hat auf den Haufen Scheiße gezeigt und ihm Farbe verliehen. Er wurde nie alt, nie langweilig. Eine schillernder Fleck in einem öden Land. Er war ziemlich cool.

Das Land ist ohne ihn eine Nuance grauer geworden. Das ist ganz schön traurig.

Aug 8 10

Herzlichen Weltkatzentag

von Pia

fritzamfester

Gestatten: Fritz. Fritz ist ein typischer Dörfler, der den ganzen Tag am Fester sitzt, um zu sehen, was draußen passiert. Fritz darf nämlich nicht raus, weil wir hier ungern plattgefahrene Katzen von der Straße kratzen. Wir sind da eigen.

Wenn Fritz nicht aus dem Fenster schaut, schläft er oder schlabbert die braune, gallertartige Masse, die in Katzenfutter den Flüssiganteil darstellt. Das mag er gern. So gern, dass er vor lauter Ungeduld einem die Hose runterzieht, wenns mit der Zubereitung mal etwas länger dauert.

Wenn er schläft, kann man ihn überall hin umdeponieren, ohne, dass er davon Notiz nimmt. Die Vorbesitzerin nannte das “epileptische Anfälle”. Auch ich dachte am Anfang, er hätte das Zeitliche gesegnet. Er ist aber einfach nur stinkfaul und bewegt sich deshalb so wenig.

Ab und zu rennt er aber wie ein Elefant durchs Haus und spielt gerne mit Gardinennähzubehör, worauf er nach dem Energieschub auch mit Vorliebe nächtigt.

Mehr tut Fritz nicht. Und das ist gut so. Herzlichen Weltkatzentag.

Aug 4 10

Auch Axel Hacke hat Angst

von Pia

Wer nachmittags fern sieht ist entweder arbeitslos oder arbeitet beim Fernsehen. Ich gehöre (noch) zu Ersterem (zu Zweiterem im Übrigen in naher Zukunft auch nicht), drück mich dann aber doch erfolgreich vor barbarasalesch’schem Do-it-your-self-Auswanderern sondern schau was Interessantes.

Eben gerade kam auf EinsFestival eine sehr sehenswerte Reportage über meinen Lieblingskolumnisten Axel Hacke*. Den hab ich immer gern gelesen als ich noch Student und nicht erwerbslos war und mir ein Wochenend-Abo der Süddeutschen Zeitung leisten konnte.

Sicher, wer brauch heute noch ein Zeitungsabo. Ich könnte seine Texte auch online lesen aber ich hab keine Lust, meinen Laptop mit auf den Balkon zu nehmen, meine Brille (die ich NUR zum Fernsehen und am Computer brauche!) aufzusetzen und mit Mühe den Mauszeiger zu bewegen, weil ich nämlich auf meinem entspiegelten Bildschirm nichts sehe, wenn sie Sonne drauf scheint. Das stört mein Lesevergnügen immens. Außerdem mag ich Papier.

Wie dem auch sei. “Ein Tag mit Axel Hacke” war deshalb so interessant, weil ich jetzt weiß, dass der Mann, der immer so lustig über das Leben schreibt, auch privat ein ganz spaßiger Zeitgenosse zu sein scheint. Ist ja nicht immer so. Ich bin auch ein großer Max Goldt-Fan. Dreimal war ich bisher bei seinen Lesungen und gehe immer mit dem Gefühl, dass der privat eher unspaßig ist. Aber das weiß ich natürlich nicht.

Axel Hacke weiß viel Schlaues zu erzählen. Muss man ja als Journalist. Zumindest als gut bezahlter mit hoher Reputation. Er hat in der Sendung bei einem Cappuccino in einem stinknormalen Münchner Café etwas gesagt, das mich zum einen wundert, das ich aber zum andern auch voll unterschreiben kann: “Jeder Autor hat Angst davor, den Computer anzuschalten und die leeren Seiten füllen zu müssen”.

Es wundert mich, weil er (sicher) einen Haufen Geld damit verdient, Leute zu amüsieren und das auch jede Woche aufs neue schafft. Also kein Grund, Angst zu haben. Ich kann es aber unterschreiben, weil es mir genau so geht. Immer diese Gedanken, wenn man mit flauem Gefühl im Magen die Mail an die Redaktion mit den neusten geistigen Ergüssen abschickt: “Was, wenn was nicht stimmt? Will das überhaupt irgendjemand lesen? Hab ich alles richtig gemacht?” Beschwerden kamen nie. Nun ja, einmal hab ich bei einem Dorffest auf einem Bauernhof in meinem Artikel keine Werbung für die dort vorgestellte, vollautomatische Melkmaschine gemacht. Eine, die die Euter der Kühe scannt und dann genau weiß, wo sie die Saugstutzen zum melken ansetzen muss. Der betreffende Bauer hat sich deshalb bei meinem Chefredakteur beschwert, woraufhin dieser mich angerufen hat und wissen wollte, was da los war. Wir haben viel gelacht.

Axel Hacke hat also auch Angst vorm Schreiben. Wundervoll. Ob Axel Hacke schon immer Angst vorm Schreiben hatte? Auch mit Mitte 20, als er sicher voller Elan und Tatendrang als Jungredakteur bei der Süddeutschen anfing? Darf man am Anfang seiner Karriere überhaupt Angst haben? Oder ist das erst okay, wenn man eh alles erreicht hat. Oder ist Angst gerade dann überflüssig, weil man ja eh weiß, dass man gut ist.

Am Schluss der Sendung, als man Axel Hacke bei einer Lesung auf der Bühne sah, erklärte er dem Publikum, dass die Veranstaltung gefilmt würde – aus therapeutischen Gründen zur Steigerung seines Selbstbewusstseins. Vielleicht sollte ich mal bei der ARD anfragen und um einen Beitrag über meine Person bitten. Nur: Interessiert das überhaupt jemanden?

* Bild 3. Und die Mediathek der ARD sollte vielleicht nochmal überarbitet werden, sonst hätte ich an dieser Stelle einfang auf die Sendung verlinkt.

Jul 27 10

Erinnerungen im Weitwinkel

von Pia

Wenn ich gerade mal nichts zutun habe – was momentan sehr selten der Fall ist – denke ich mit Wehmut an die Reise durch Südamerika bis zu den Azoren. Rückt alles immer weiter in die Vergangenheit und weicht dem “normalen Leben”. Schade. Zur Erinnerung ein paar Panoramas, die Johannes vor Ort geschossen und daheim zusammengebastelt hat.

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Philipsburg, St. Maarten

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Petit Baie, St. Martin

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Prickly Pear Island, Anguila

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Green Kay, British Virgin Islands

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Road Habour, Tortola/British Virgin Islands

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Flores, Azoren

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Hafen von Flores/Azoren

mehr…

Und sobald wieder Geld in der Kasse und die Karriere in solch rechte Bahnen gerückt is, dass sie auch mal pausieren darf, ohne Schaden zu nehmen, gehts wieder los. Irgendwohin.

(Alle Bilder: Johannes Lampel)

Jul 19 10

Felsenmeer

von Pia

Aus der genau jetzt begonnenen Reihe “Lerne deine deutsche Heimat kennen”, heute ein besonderes Schmankerl aus dem westlichen Odenwald/Bergstraße: Wir kraxelten das Felsenmeer hoch. Das hab ich seit ungefähr 20 Jahren nicht mehr gemacht und Kinner! wie sich die Zeiten ändern. Also subjektiv. Früher bin ich barfuß die steilen Brocken hochgeklettert, irgendwann wieder runtergepurzelt, hab mit die Knie aufgehauen und fürchterlich geweint.

Heute geht das so: Vor jedem Schritt nach oben vollziehe ich einen inneren Monolog der Besorgnis, die das fortgeschrittene Alter und die damit gemachten Erfahrungen so mit sich bringen: “Was ist wenn du jetzt da runter rutschst? Du könntest dir ein Bein brechen. In weniger als sechs Wochen geht der neue Job los, bis dahin ist das nicht wieder verheilt. Du bräuchtest weitere Helfer für den Umzug, müsstest an Krücken, gar im Rollstuhl, am ersten Tag ‘antanzen’. Aber, noch schlimmer! Was ist wenn du auf die Hände fällst und sie nur als zermatschte Knochenhaufen aus den Felsspalten gekratzt werden können. Dann könnten du nie mehr arbeiten. Und das obwohl du noch nicht mal richtig damit angefangen hast. Die Berufsunfähigkeitsversicherung willst du erst September abschließen. Du bist also hoffnungslos abhängig von dem guten Willen und Spenden mitleidiger Mitmenschen, die das Elend einer jungen Frau so nicht ertragen können. Kein Kranken-Tagesgeld, keine Invalidenrente, nichts…”

Solche Gedanken bei jedem Schritt. Ich war zeitweise beim Klettern stärker konzentriert als während des Mathe-Abis. Und dabei ist damals auch nur ne fünf rausgekommen (aber ne gute!). Ich habs dennoch irgendwie geschafft, ohne Schädelbasisbruch oder aneren Blessuren nach oben zu kommen. Und das in annehmbaren Tempo. Dennoch: Erwachsensein ist doof.

(Bildquelle: Geo-Reisecommunity)

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